Enzensberger über das (Social) Web und den Terror der Reklame

13. September 2013

Hans Magnus Enzensberger hat gestern (ausgerechnet) bei Beckmann (Video) seine in vielen Belangen kritische Position gegenüber den Online-Technologien erneuert. Und natürlich lässt sich Enzensberger auf der einen Seite – wie auch schon Habermas – unterstellen, dass er das Internet nicht (mehr) in all seinen Aspekten durchdringen kann, da er nach eigener Aussage vorwiegend »analog« lebt.

Auf der anderen Seite aber ermöglicht vielleicht gerade diese Abstinenz auch einen anderen Blick auf die »digitale Revolution« und damit die Benennung von Problemstellungen, gegenüber denen die Alltagsnutzer des (Social) Webs im Sinne Marshall McLuhans möglicherweise mehr oder minder blind geworden sind.

Auf jeden Fall lohnt es sich, im Diskurs um neue Medien auch die Positionen jener langsam aussterbenden Generation Intellektueller zu reflektieren, die eine Gesellschaft noch weitgehend ohne elektronische Medien erlebt hat — zumal insbesondere Enzensberger mit seinem »Baukasten zu einer Theorie der Medien« (1970) selbst eine frühe Blaupause für viele der Hoffnungen und Utopien geliefert hat, die seit den 1990er Jahren regelmäßig an das Web geknüpft werden. Bei Beckmann äußerste sich Enzensberger u.a. zu folgenden Themen (im Gesprächsmodus):

Zu internationalen Großkonzernen und Geheimdiensten: »Die einen wollen Geld machen, die anderen wollen die Welt kontrollieren. Die gehen also [beide] ihren Allmachtsphantasien nach […], jeder auf seine Weise. Die Regierungen selbst sind da ziemlich hilflos,  […] sie kommen dagegen gar nicht an, und insofern sind sie auch bedauernswert […].«

Zu Größenwahn: »Ich glaube eben, dass der Wahn, dass man die Zukunft berechnen kann, dass man Allmacht gewinnen kann, dass man die totale Kontrolle gewinnen kann, das ist eine gemeinsame Obsession, die nicht ganz neu ist […]. Und nun hat Größenwahn die merkwürdige Eigenschaft, dass er irgendwann mal scheitert […]. Die meisten dieser Imperien brechen unter ihrem eigenen Gewicht zusammen […].«

Zum Zahlen mit Daten: »Die meisten Menschen glauben, sie kriegen etwas umsonst. Das sind ja alles kostenlose Angebote, ich muss ja nicht zahlen, Google ist für alle da […]. […] die Illusion ›there is a free lunch‹, ich kriege etwas umsonst, das ist auch Schnäppchenjägerei von den Leuten, weil sie nicht verstehen, dass sie zahlen. […] Es ist schon ein erster Schritt, dass man ein Bewusstsein davon hat, dass es […] kein Sonderangebot gibt, dass ich nicht alles umsonst kriege. Das ist schon mal die erste Einsicht.«

Zu ausbleibenden Datenschutz-Großprotesten: »Das kann doch erst passieren, wenn die Leute irgendetwas am eigenen Leib zu spüren kriegen. Wenn ich keinen Job mehr kriege, weil mein Profil dem widerspricht usw. […] Es gibt keine Wirkung ohne Gegenwirkung, es gibt keine Wirkung ohne […] unvorhergesehene Nebenwirkungen […]. Erst wenn es mich trifft, wenn es die Leute wirklich trifft, dann wachen sie auf, vorher nicht.«

Zur Rolle der Werbung: »Der Terror der Reklame begegnet uns an jeder Ecke […]. Die Konzerne, von denen hier die Rede ist, sei es Facebook, sei es Google […], die sind werbefinanziert, d.h. die Werbung hat sich zu einer politischen Macht entwickelt, die Kontrolle ausübt […], die Daten häuft […]. Diese Konzerne leben von der Reklame, und das heißt, die Reklame ist jetzt nicht mehr irgendeine Nebensache, sondern ein Politikum geworden.«

Zum »Terror der Reklame« hat Enzensberger zudem im Spiegel 32/2013 ein zweiseitiges Essay veröffentlicht, das stellenweise durch eine etwas barocke Argumentationsweise auffällt, aber m.E. auch Bedenkenswertes bereithält:

»[…] die politische Macht der Reklame hat in den letzten drei bis vier Jahrzehnten in einem historisch beispiellosen Ausmaß zugenommen. Ermöglicht wurde das durch die Erfindung des Computers und durch den Aufbau des Internets. Seitdem sind neue Weltkonzerne entstanden, deren Börsenwerte die alten Monster der Schwerindustrie und des Finanzkapitals in den Schatten stellen. […] Google, Facebook, Yahoo & Co. Es ist ihr Grundprinzip, dass sie selber keinerlei Inhalte generieren. Diese Arbeit überlassen sie entweder anderen Medien oder den sogenannten Usern, die ihnen kostenlos Nachrichten oder Details aus ihrem Privatleben zuliefern. Dieses Geschäftsmodell hängt von der Finanzierung durch Reklame ab. Diese Konzerne sterben, wenn sie nicht werben.

Zwar müssen Handelsgiganten wie Amazon sich nach wie vor mit dem Versand materieller Güter […] abplagen, und Konzerne wie Microsoft oder Apple leben immer noch vom Verkauf ihrer Soft- und Hardware. Aber wer Milliarden von Kunden akquirieren und verwalten will, muss ihre persönlichen Daten so vollständig wie möglich ausforschen und sammeln.

[…] Das Schöne in dem postdemokratischen Regime, in dem wir leben, ist seine Lautlosigkeit. Die Rolle des Blockwarts und des Denunzianten haben Millionen von Überwachungskameras und Mobiltelefonen übernommen. […] Garantiert wird dieser Zustand durch die Herrschaft der Dienste und ihr Bündnis mit der Reklame. Doch wer sich mit diesem Regime abfindet, der tut es auf eigene Gefahr.«

Enzensberger Automat

Der Technik augenscheinlich nicht grundsätzlich abgeneigt: Im Jahr 2000 präsentierte Enzensberger der Öffentlichkeit erstmals seinen Landsberger Poesieautomaten, der heute Literaturmuseum der Moderne (Marbach) steht.

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInEmail this to someone

Ähnliche Artikel

Ein Kommentar zu “Enzensberger über das (Social) Web und den Terror der Reklame”

  1. Urs Schlägeli says:

    Vieles stimmt, aber Aussagen wie “Die einen wollen Geld machen, die anderen wollen die Welt kontrollieren” – das ist einfach 68er-Vollidiotismus. Woher kommt dieses Phantom, dass da immer 10-12 Leute oder Orgas sind, die die Welt beherrschen wollen?

Kommentar hinterlassen