IT-Konzerne und Open-Source / Akrites-Initiative

1. Juli 2026

Das Thema Open-Source-Software bietet nach wie vor viele Untersuchungspotenziale für die sozialwissenschaftliche Forschung (meine Arbeiten dazu: Schrape 2015, 2016, 2016b, 2018, 2019, 2024, 2025), auch weil das Verhältnis von etablierten IT-Unternehmen und Open-Source-Projekten häufig mißverständlich dargestellt wird.

Tatsächlich sind die proprietäre und quelloffene Softwarentwicklung bereits seit Jahrzehnten eng ineinander verwoben – und inzwischen sind alle führenden IT-Unternehmen aktiv in die Entwicklung von Open-Source-Software (OSS) involviert. Apples Betriebssystem-Pakete macOS, iOS, tvOS und watchOS beispielsweise basieren im Kern auf dem Unix-ähnlichen Open-Source-Betriebssystem Darwin und enthalten Hunderte weiterer OSS-Komponenten (u.a. WebKit und XQuartz).

Ein anderes Beispiel ist Microsoft: Das Unternehmen, das OSS 2001 als „intellectual property destroyer“ bezeichnet hatte, gründete 2012 seine Tochtergesellschaft MS Open Technologies und begann, sich in verschiedenen OSS-Stiftungen zu engagieren. Seitdem hat das Unternehmen Teile des .NET Frameworks, Software-Entwicklungskits für seinen Cloud-Computing-Dienst Azure sowie zahlreiche weitere Komponenten unter OSS-Lizenzen veröffentlicht. Seit 2017 gilt Microsoft neben Google/Alphabet als weltweit führende korporative OSS-Beiträger; 2018 übernahm Microsoft GitHub (siehe Schrape 2026, S. 131f.):

»Ein anschauliches Beispiel für das Ineinandergreifen offener und proprietärer Innovationsdynamiken ist die Plattform GitHub, die nach ihrer Gründung 2008 binnen weniger Jahre zum zentralen Drehund Angelpunkt der globalen Open-Source-Softwareentwicklung geworden ist […]: Sie hat mit ihren standardisierten Repositorien, Schnittstellen und Tools einerseits die Ablaufeffektivität und die Austauschmöglichkeiten in und zwischen Open-Source-Projekten erheblich verbessert, andererseits aber auch zu einer Kanalisierung der individuellen und kollektiven Handlungsspielräume sowie zu einer zunehmenden Marktorientierung der Entwicklungsvorhaben beigetragen. Ferner hat GitHub zwischen 2012 und 2015 mehr als 300 Mio. US-Dollar an Wagniskapital eingeworben und wurde 2018 von dem Unternehmen Microsoft akquiriert, das inzwischen mehrere proprietäre Dienste in die Plattform integriert hat, so ab 2023 das KI-Tool GitHub Copilot. Dadurch sind die kommerzielle Softwareindustrie und kollaborative Open-Source-Communities auch infrastrukturell näher zusammengerückt.«

Mehr noch: Gerade im Bereich der kritischen Infrastrukturen des Internets nimmt OSS bereits seit den 1990er-Jahren eine fundamentale Rolle ein. Viele dieser OSS-Projekte wiesen lange Zeit freilich nur ein geringes Maß an organisatorischer Struktur auf und wurden in erster Linie von technischen Erfordernissen bestimmt.

Weiterlesen »

Querverweis: »When AI builds itself« (Anthropic)

6. Juni 2026

Das 2021 gegründete und im Mai 2026 mit 965 Milliarden US-Dollar bewertete KI-Unternehmen Anthropic (Claude) will an die Börse – und hat fast zeitgleich mit dieser Ankündigung einen Blog-Post veröffentlicht, der ein breites Medienecho hervorgerufen hat (z.B. Die ZEIT: »Anthropic fordert Pause bei Entwicklung von künstlicher Intelligenz«; tagesschau.de: »Anthropic fordert Pause bei KI-Entwicklung«).

In solchen und ähnlichen Fällen macht es Sinn, das Objekt der Berichterstattung im Original zu konsultieren – denn der Text »When AI builds itself: Our progress toward recursive self-improvement and its implications« liest sich doch deutlich differenzierter als es entlang der medialen Pointierung erscheint (und erweist sich in einigen Passagen schlicht als gut gemachtes Marketing-Material). Im letzten Drittel des Textes spannen die Autor:innen unter der Zwischenüberschrift »Possible Futures« drei Szenarien auf:

  • »The trend stalls, but today’s AI capabilities are widely diffused. […]«
  • »AI labs continue to see compounding efficiency gains. […]«
  • »AI systems themselves become capable of full recursive self-improvement, and begin building their successors. If technical trends in advancing capabilities continue, and AI systems are able to develop the capabilities inherent to transformative human ingenuity, then it is plausible that AI systems could design and refine themselves. […]«

Primär für das dritte, auch im Anthropic-Text durchaus als voraussetzungsreich markierte Szenario diskutieren die Autor:innen schließlich geeignete gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten und heben dabei die Rolle des eigenen Unternehmens hervor:

»We believe it would be good for the world to have the option to slow or temporarily pause frontier AI development to enable societal structures and alignment research to keep up with the advance of the technology. The Anthropic Institute will conduct research—in collaboration with many others—and take actions to help build the systems that a credible slowdown or pause would require.

[…] A meaningful slowdown or pause would require multiple well-resourced labs at or near the frontier, in multiple countries, agreeing to stop under the same conditions. It would also require that each can verify that the others have actually stopped. […] None of this is necessarily impossible in principle—the world has built verification regimes for other complex technologies (e.g., the Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty)—but those regimes took decades to build both the infrastructure and the trust. We don’t have that long. A unilateral pause by one lab, by contrast, is achievable immediately, but accomplishes much less: it would change who the front-runner is, but it would not create the wider deliberative process that is currently missing.

In the coming months, we will organize conversations where policymakers, researchers, civil society, and other AI companies can help answer some of the questions this piece raises, especially around full recursive self-improvement and how to create better options for coordination and deliberation. We’ll publish what comes out of it. The window to investigate the questions together is here, and people outside AI companies should be involved in this deliberation.«


Generative KI als Epochenbruch?

19. Mai 2026

Anlässlich der 2. Auflage des Bandes »Digitale Transformation« habe ich einen kleinen Beitrag für das [transcipt] Blog verfasst. Einige Ausschnitte daraus:

[…] Wer die KI‑Debatten der letzten Jahre verfolgt, erkennt einen vertrauten Rhythmus: ein technischer Durchbruch, ein rapider Diffusionsschub, euphorische Versprechen, dystopische Kassandrarufe – und dazwischen die Suche nach gesellschaftspolitischer Einhegung und alltagspraktischer Orientierung. Eine Langfristperspektive auf die digitale Transformation zeigt, dass dieses Muster keineswegs neu ist: Computer sollten in den 1970er‑ und 1980er‑Jahren ganze Berufsbilder vernichten und zugleich die Wissensarbeit revolutionieren. Das Internet und das Web 2.0 wurden als Ende der Massenmedien und Beginn einer demokratisierten ›Weisheit der Vielen‹ gefeiert – und später als Infrastrukturen einer neuen digitalen Allmacht kritisiert. ›Big Data‹ versprach Allwissenheit, weckte aber zugleich Überwachungsängste à la George Orwells »1984«.

Generative KI reiht sich in dieses Muster ein: Sie markiert zweifellos eine neue Stufe der Automatisierung kognitiver Routinen, wird in vielen Debatten allerdings so behandelt, als könne nunmehr die schiere Kraft der Technik alleine die Gesellschaft ›umstülpen‹. Eine Rekonstruktion der digitalen Transformation als Langfristprozess erinnert demgegenüber daran, dass soziotechnischer Wandel immer schon ein Zusammenspiel von technischer Innovation, soziokultureller Aneignung, institutioneller Einbettung und politischer Auseinandersetzung war – und bleibt.

[…] Weder bloßer Technikoptimismus noch reine Dystopie werden mithin dem laufenden soziotechnischen Umbruch gerecht, so medienwirksam entsprechende Thesen auch sein mögen. Die rapide gesellschaftsweite Diffusion generativer KI markiert fraglos eine neue Phase in der digitalen Transformation – vergleichbar mit der Etablierung des Internets in den 1990er-Jahren oder der Plattformisierung zahlreicher sozioökonomischer Austauschprozesse und Kommunikationsdynamiken seit Mitte der 2000er-Jahre. Schon diese Phasen soziotechnischen Wandels, ohne die der Aufstieg rezenter KI-Systeme sowohl in technischer und ökonomischer als auch alltagspraktischer Hinsicht kaum denkbar gewesen wäre, waren freilich von Ungleichzeitigkeiten, Uneindeutigkeiten und widersprüchlichen Effekten geprägt.

Insofern gilt es, technologische Innovationen weder zu verklären noch zu verteufeln, sondern sich des unauflösbaren Verschränkungszusammenhangs von Technik und Gesellschaft sowie den damit einhergehenden Ambivalenzen immer wieder neu bewusst zu werden – und konkrete Gestaltungspotenziale und -konflikte in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht ist das im Moment das Wichtigste: den laufenden soziotechnischen Wandel um ›Künstliche Intelligenz‹ ernst zu nehmen sowie gesellschaftliche Institutionen und demokratische Verfahren darauf einzustellen, ohne die Kraft der Technik per se zu überhöhen oder uns von diskursiven Technikzukünften in Panik versetzen zu lassen.

Zum Blogbeitrag »


Splitter: KI-Nutzung Jugendlicher

13. Mai 2026

In den Media Perspektiven findet sich eine bündige Zusammenschau der JIM-Studie 2025 mit Blick auf die KI-Nutzung von Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren in Deutschland (PDF):

  • 50 Prozent der Befragten nutzten ChatGPT mehrmals die Woche oder täglich; im Falle von Google Gemini waren es 12 Prozent; im Falle von Meta AI 8 Prozent. Andere Angebote verzeichneten deutlich geringere Werte.
  • Unter den KI-Nutzenden setzten ca. 75 Prozent entsprechende Angebote »für Hausaufgaben oder zum Lernen« ein (in Gymnasien: 79 Prozent), 70 Prozent, »um sich zu informieren«, und 47 Prozent »zum Spass«.
  • 57 Prozent stimmen der Aussage »Den Infos von KI kann man vertrauen« zu; ein ähnlicher Anteil vermutet, dass KI »Menschen aus Berufen verdrängen« wird – aber auch, dass KI dabei hilft, »die Herausforderungen der Zeit zu bewältigen«.

Angesichts der raschen Veralltäglichung der bewussten oder unbewussten KI-Nutzung (etwa über Suchmaschinen oder Sprachassistenten) hebt der Überblick die »Bedeutung von Informations- und Nachrichtenkompetenz« hervor: »Jugendliche müssen KI erkennen, KI-basierte Antworten einordnen, Quellen prüfen und aufmerksam ein, ob KI nicht lieber ›halluziniert‹, als Wissenslücken preiszugeben. All diese Kompetenzen müssen sich auch Erwachsene erst aneignen. Diese Fähigkeiten zu vermitteln und entsprechende Angebote bereitzustellen, ist eine gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik.«


»The 2028 global intelligence crisis« – eine kurze techniksoziologische Einordnung

25. Februar 2026

Vorderhand plausible potenzielle Technikzukünfte können weitreichende Effekte auf die Gegenwart haben – das zeigt sich jüngst erneut am Beispiel eines Blog-Posts von Citrini Research. Der Post ist überschrieben mit »The 2028 global intelligence crisis« und entwirft eine nahe Zukunft, in der (generative) künstliche Intelligenz die meisten Arbeitsaufgaben der ›Mittelschicht‹ übernimmt, was in Massenentlassungen, einer disruptiv kollabierenden Konsumwirtschaft und gleichzeitig rekordverdächtigen Unternehmensgewinnen resultieren soll. Kurz: Wirtschaftsunternehmen investieren laut diesem Post 2028 nicht mehr in Angestellte, sondern in KI-Technik. Prompt gingen die Aktien von Softwareanbietern, Zahlungsdienstleistern und weiteren Service-Anbietern an den globalen Finanzmärkten auf Talfahrt.

Der Post ist allerdings explizit als »scenario, not a prediction« markiert. Er ist im Stil eines What-if-Reports aus dem Juni 2028 verfasst, verarbeitet nahezu alle derzeit flottierenden KI-Narrative und bietet insofern einen umfassenden Überblick über gängige Zuschreibungen an intelligente Technologie. Er kommt zu folgendem dystopischen Resümee:

Weiterlesen »

Querverweis: »Paradigmenwechsel in der EU-Mediengesetzgebung«

31. Januar 2026

In den Media Perspektiven 1/2026 ist ein handlicher Überblicksartikel zu aktuellen Veränderungen in der Medienregulierung durch die Europäische Union (EU) erschienen, welcher den »Digital Services Act« (DSA) und den »Digital Markets Act« (DMA) in übergreifende Entwicklungslinien einordnet:

»[…] Damit wird die EU zum Akteur genuiner Mediengesetzgebung und die Europäische Kommission (gegebenenfalls in Kollaboration mit anderen Einrichtungen) zu einem zentralen Medienregulierer im
europäischen Binnenmarkt für Mediendienste. Anders ausgedrückt: Es findet die Europäisierung von Mediengesetzgebung in der EU statt.
[…] Die in diesem Text beschriebenen Regelwerke und Prozesse [u.a. DSA und DMA] müssen als miteinander kommunizierende Röhren verstanden werden. Einzeln und in ihrer Verschränkung ermöglichen sie es der EU, maßgeblich der Europäischen Kommission, eine Position als europäischer Mediengesetzgeber und -regulierer aufzubauen und entsprechende Kapazitäten wirksam einzusetzen. Das führt zur Einschränkung mitgliedstaatlicher Handlungsfreiheiten und -möglichkeiten und insofern zum hier konstatierten Paradigmenwechsel in der EU-Medien-
gesetzgebung bzw. -regulierung. Er sollte als strategische Rejustierung des Handelns der EU ernst genommen werden. Das Europäische Parlament unterstützt diesen Ansatz. Der Rat, also die Mitgliedstaaten, stellen sich ihm in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit nicht (jedenfalls nicht wirksam) entgegen. Sie haben ihn als Mitgesetzgeber im Ministerrat vielmehr mitgestaltet. Die hier skizzierte Entwicklung dürfte in den nächsten Jahren weitere Dynamik entfalten.
«


Wiedervorlage: Zur Soziologie des Schenkens

17. Dezember 2025

Axel T. Paul hat 1997 in der Soziologischen Revue eine auch heute noch höchst lesenswerte Sammelrezensionen zu fünf Büchern verfasst, die sich in der ein oder anderen Weise mit den Phänomenen der Gabe und des Schenkens beschäftigen.

Quelle: Wikimedia

Einige Passagen daraus:

Weiterlesen »