Max Weber über Rationalisierung, elektrische Trambahnwagen und den hydraulischen Lift

14. Juni 2020

Heute vor genau 100 Jahren ist Max Weber – Meister der verstehenden Soziologie – mit 56 Jahren an einer Lungenentzündung infolge der Spanische-Grippe-Pandemie gestorben, die zwischen 1918 und 1920 zwischen 20 und 50 Millionen Menschenleben forderte (darunter z.B. auch der 1885 aus der Pfalz nach New York ausgewanderte Frederick Trump) und der modernen Gesellschaft ihre Grenzen aufzeigte.

Trambahn in Seattle 1918 (Quelle: Wiki Commons)

1913 veröffentlichte Max Weber in einer philosophischen Fachzeitschrift den Artikel »Ueber einige Kategorien der verstehenden Soziologie«, in dem er sich neben anderem am Beispiel der technischen Errungenschaften seiner Zeit (z.B. der elektrischen Trambahn und dem hydraulischen Lift) wie folgt mit den lebensweltlichen Wirkungen der fortschreitenden Rationalisierung der Gesellschaft und dem damit verbundenen Wandel der Grundüberzeugungen auseinandersetzte:

»Was bedeutet nun aber die Rationalisierung der Ordnungen einer Gemeinschaft praktisch? Damit ein Kontorist oder selbst der Leiter eines Kontors die Vorschriften der Buchführung ›kenne‹ und sein Handeln an ihnen durch richtige – oder auch im Einzelfall, infolge von Irrtum oder Betrug, falsche – Anwendung orientiere, ist offenbar nicht erfordert, daß er die rationalen Prinzipien, an deren Hand jene Normen erdacht worden sind, gegenwärtig habe. […]

Dies findet sich auf allen Gebieten wieder: so wenn wir einen elektrischen Trambahnwagen oder einen hydraulischen Lift oder eine Flinte sachgemäß benutzen, ohne von den naturwissenschaftlichen Regeln, auf denen ihre Konstruktion beruhrt, irgend etwas zu wissen, in welche selbst der Tramwagenführer und Büchsenmacher nur unvollkommen eingeweiht sein können. Kein normaler Konsument weiß heute auch nur ungefähr um die Herstellungstechnik seiner Alltagsgebrauchsgüter, meist nicht einmal darum, aus welchen Stoffen und von welcher Industrie sie produziert werden. Ihn interessieren eben nur die für ihn praktisch wichtigen Erwartungen des Verhaltens dieser Artefakte. Nicht anders steht es aber mit sozialen Institutionen, wie etwa dem Gelde. […]

Der ›Wilde‹ weiß von den ökonomischen und sozialen Bedingungen seiner eigenen Existenz unendlich viel mehr als der im üblichen Sinn ›Zivilisierte‹. […] Was der Lage des ›Zivilisierten‹ in dieser Hinsicht ihre spezifisch ›rationale‹ Note gibt, im Gegensatz zu der des ›Wilden‹, ist vielmehr: 1. der generell eingelebte Glaube daran, daß die Bedingungen seines Alltagslebens, heißen sie nun: Trambahn oder Lift oder Geld oder Gericht oder Militär oder Medizin, prinzipiell rationalen Wesens […] seien, […] 2. die Zuversicht darauf, daß sie rational, d.h. nach bekannten Regeln und nicht, wie die Gewalten, welche der Wilde durch seinen Zauberer beeinflussen will, irrational funktionieren, daß man, im Prinzip wenigstens, mit ihnen ›rechnen‹, ihr Verhalten ›kalkulieren‹, sein eigenes Handeln an eindeutigen, durch sie geschaffenen Erwartungen orientieren könne.«


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