Kurz notiert: »Der Akteur: Konstruktion und Dekonstruktion einer Beobachtungskategorie«

1. Dezember 2017

Ende November ist die Österreichische Zeitschrift für Soziologie 42(4) erschienen – und mit ihr mein Artikel »Der Akteur: Konstruktion und Dekonstruktion einer Beobachtungskategorie« (SpringerLink | Preprint).

Der Beitrag vertritt die These, dass akteurzentrierte und systemtheoretische Zugriffsweisen weniger in einem konkurrierenden als in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen, da sie ihr soziologisches Seziermesser auf divergenten Untersuchungsebenen ansetzen. Vor diesem Hintergrund wird zunächst die Konstruktion der Beobachtungskategorie des „Akteurs“ im akteurzentrierten Institutionalismus beleuchtet, bevor die Dekonstruktion individueller und überindividueller Akteure als stabile Handlungseinheiten in der Theorie sozialer Systeme nachgezeichnet wird. Daran anknüpfend werden am Beispiel der durch die Onlinetechnologien angestoßenen Transformationsprozesse die jeweiligen Beobachtungsschwerpunkte und -lücken illustriert. Der Text mündet in einem Plädoyer für ein produktives Nebeneinander beider Perspektiven.


Kausal rekonstruierende Fallstudien (Skript)

17. November 2017

Die kausal rekonstruierende Fallstudie nimmt in der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre eine eher randständige Position ein, da sie sich weder als rezeptartig durchführbare Erhebungstechnik noch als dezidiertes methodologisches Paradigma beschreiben lässt. Vielmehr werden im Rahmen dieses Forschungsansatzes vielfältige Erhebungs- und Auswertungsmethoden gegenstandsbezogen miteinander kombiniert, um ein möglichst umfassendes Bild sozialer Wirklichkeit zu zeichnen.

Anders als in der theoriegeleiteten empirischen Sozialforschung, in der zunächst Hypothesen aus existenten sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleitet werden, die danach (mit quantitativen Methoden) empirisch überprüft werden, bauen theoretische und empirische Arbeiten im Falle problemorientierter Vorgehensweisen nicht sequentiell aufeinander auf, sondern werden im Sinne der ›Grounded Theory‹ iterativ ineinander verschränkt: Die eingangs aufgestellten Arbeitsthesen und Konzeptualisierungen werden auf der Basis empirischer Beobachtungen fortlaufend spezifiziert und verdichtet, um auf diese Weise verallgemeinerbare Muster zu identifizieren und generalisierbare Erklärungen zu erarbeiten. Kausal rekonstruierende Fallstudien münden in empirisch begründeter Theoriebildung.



Nachfolgendes Skript bietet einen Überblick über das grundsätzliche Vorgehen in kausal rekonstruierenden Fallstudien (Dokumenten- und Datenanalysen, problemzentrierte Interviews, Analyse digitaler Kommunikation etc.).
Zum Skript »


Lektürehinweis: Quantifizierung politischer Entscheidungsprozesse (Mayntz)

19. September 2017

Im Sommer ist ein Diskussion Paper von Renate Mayntz mit dem Titel »Zählen – Messen – Entscheiden: Wissen im politischen Prozess« (PDF) erschienen, das sich mit der Quantifizierung politischer Entscheidungsprozesse auseinandersetzt:

»Quantifizierung heißt nicht nur Zählen, sondern auch Indexbildung, Ranking und formale Modellierung […] Der Rückgriff auf quantifiziertes, formalisiertes Wissen dient dabei nicht nur der Effektivität politischer Intervention, sondern auch ihrer Legitimierung.
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Splitter: »Der Kampf um Aufmerksamkeit im Netz« (DLF Kultur)

5. August 2017

In der Radiosendung Breitband auf Deutschlandfunk Kultur vom 5. August 2017 durfte ich im Gespräch mit Vera Linß und Marcus Richter meine Einschätzung zum Verhältnis von journalistischer Arbeit und algorithmischer Selektion im Social Web kundtun. Der Teaser zur zum Thema:

Im Netz lässt sich mit Angst und Wut gut Geld machen. Doch dafür müssen die entsprechenden Artikel erstmal in den Newsfeeds und auf den Websites geklickt werden. Die Folge: Emotionalisierte Headlines locken die User permanent an und dieser ›Katastrophenjournalismus‹ führt dann nach und nach zu Veränderungen in der Wahrnehmung der Welt. Wie kann ein positives, weniger aufgeregtes Weltbild aufrecht erhalten werden? Und wie kann die journalistische Kuration bei der algorithmischen Steuerung mithalten?

Zur Sendung »


Die Institutionalisierung des Kollektiven im Netz

6. Juli 2017

Aus: Dolata, Ulrich / Schrape, Jan-Felix (2018): Kollektivität und Macht im Internet. Wiesbaden: Springer VS (S. 24–30).

Vieles, was Bewegungen und Gemeinschaften auszeichnet, hat sich mittlerweile [in den Online-Bereich] verschoben: kollektive Meinungsbildung und Abstimmung, politische Kampagnen und Mobilisierung, Organisierung und Koordination der Aktivitäten, fachlicher Austausch und gemeinschaftliche Produktion.

Die genannten sozialen Merkmale der Institutionalisierung kollektiver Akteure werden dadurch zwar nicht außer Kraft gesetzt. Sie werden allerdings substanziell erweitert um neue Organisierungs- und Strukturierungs­leistungen von Kommunikation, Produktion und Protest, die das Internet und seine Plattformen als technologische Infrastrukturen bieten.

Dementsprechend lässt sich die Institutionalisierung des Kollektiven heute nicht mehr als rein sozialer, sondern nur noch als soziotechnischer Prozess auf angemessene Weise abbilden: als systematische Verschränkung von sozialen und technischen Organisierungs- und Strukturierungsleistungen, deren Zusammenspiel allerdings von Fall zu Fall erheblich variiert […].

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Neues Buch: Kollektivität und Macht im Internet

17. Juni 2017

Anfang Juli erscheint das von mir und Ulrich Dolata zusammengestellte Buch »Kollektivität und Macht im Internet: Soziale Bewegungen – Open Source Communities – Internetkonzerne« (Amazon, 19,90 Euro). Das Einführungskapitel lässt sich schon jetzt als Leseprobe bei Springer VS herunterladen.

Das Buch geht den Fragen nach, wie sich die vielfältigen neuartigen Formen von Kollektivität in der Internetgesellschaft voneinander unterscheiden und typisieren lassen und welche Rolle die technischen Infrastrukturen des Netzes für deren Entstehung bzw. Verstetigung spielen. Es wird diskutiert, auf welche Weise sich die Mobilisierung und Organisierung sozialer Bewegungen durch Social Media verändert, wie Arbeits- und Entscheidungsprozesse in Open-Source-Communities strukturiert sind und über welche ökonomische und regelsetzende Macht die großen Internetkonzerne als wesentliche Gatekeeper und Kuratoren der Kommunikation im Netz heute verfügen.


Kurz notiert: Rezension zu »Open-Source-Projekte als Utopie, Methode und Innovationsstrategie«

21. Dezember 2016

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis bespricht Christoph Schneider meinen Band »Open-Source-Projekte als Utopie, Methode und Innovationsstrategie« (Amazon) wie folgt:

[…] Jan-Felix Schrape nimmt sich in seinem angenehm kurzen und gut strukturierten Büchlein dem wahrscheinlich einflussreichsten Ursprungsort der heutigen digitalen ›Offenheit‹ an: Der Open-Source- Software-Entwicklung. […]
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Stichwort: Medienkompetenz

7. August 2016

Aus dem Studienbrief »Kommunikation und Partizipation im Social Web. Eine Übersicht« (2015). Zum Aspekt der Datenkompetenz der digitalen Gesellschaft vgl. »Mobile Medienkonvergenz – infrastrukturelle Macht – Daten- und Informationskompetenz«.

Der Begriff der Medienkompetenz genießt seit einem Vierteljahrhundert in vielen sozialwissenschaftlichen Disziplinen Popularität, da der ›richtige‹ Umgang mit Medien angesichts ihrer zunehmenden Zentralstellung in Alltag und Beruf als die »zentrale Schlüsselqualifikation in der modernen Gesellschaft« (Jarren/Wassmer 2009: 46) angesehen wird. Dementsprechend haben sich v.a. in der Erziehungswissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Psychologie eine Vielzahl nebeneinanderstehender Definitionen herausgebildet, die jeweils unterschiedliche Aspekte bzw. Dimensionen der Medienkompetenz betonen (siehe Tabelle).

Aufenanger
1997

Tulodziecki
1997

Baacke
1998

Kübler
1999

Groeben
2002

Jarren/Wassmer
2009

Kognitive DimensionFähigkeit zum sachgerechten HandelnMedien-
kunde
Kognitive FähigkeitenMedienwissen /
-bewusstsein
Reflexive Medien- kompetenz
Handlungs-dimension... zum selbst-bestimmten HandelnMedien-
nutzung
Handlungs-fähigkeitenRezeptions-
muster
Instrumentelle Medien-kompetenz
Moralische Dimension... zum sozial verantwortlichen HandelnMedien-
kritik
Evaluative FähigkeitenMedien-
bezogene Kritikfähigkeit
Ästhetische Dimension... zum kreativen HandelnMedien-
gestaltung
Sozial-reflexive FähigkeitenVermittlungs- kompetenz (sozialbezogen)
Affektive DimensionMedienbezogene Genussfähigkeit

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