»Designing Reality«: The Logic of Digital Utopianism (2)

18. Februar 2018

Der Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld glaubt an die ›dritte digitale Revolution‹ durch 3D-Drucker, weitere Technologien zur dezentralen Herstellung materieller Güter und FabLabs als Orte einer kollaborativen und hochvernetzten digitalen Ökonomie neuen Typs – nicht erst seit der Publikation des Buches »Designing Reality: How to Survive and Thrive in the Third Digital Revolution«, das er jüngst zusammen mit seinen Brüdern veröffentlicht hat, sondern schon seit Mitte der 2000er-Jahre. Seine Argumentation in kompakter Form (Video):

Mit Gershenfelds Kernthesen zur ›dritten digitalen Revolution‹, der dahinter liegenden visionären Logik und den sozialen Funktionen von solchen utopischen Ausführungen haben sich Sascha Dickel und ich bereits in dem Artikel »The Logic of Digital Utopianism« auseinandergesetzt, der sich seit Anfang des Jahres auf SpringerLink kostenfrei abrufen lässt:

»[…] albeit current transformations are characterized less by substitution and resolution than by differentiation and complementarity, the widely acclaimed books and articles on the ›new media‹ of an era (e.g., the early World Wide Web, the so-called ›Web 2.0‹, or presently 3D printing)— literally never focus on incremental or gradual change, but promise fundamental media revolutions that supposedly will shake the very foundations of society. The fact that prior expectations, in their radicalism, were not empirically fulfilled scarcely matters to the prevailing revolutionary rhetoric of the day.

[…] In this respect, the utopias associated with new media technologies can be recast as typical forms of utopian communication. These visions are not primarily technological roadmaps awaiting realization, but rather an expression of a form of public communication that perpetuates the fundamental semantic structures of modern utopianism regarding new media technologies. Furthermore, the universal compatibility of media utopias derives from comprehensive patterns of complexity reduction that parallel the general selection criteria of the mass media […]. The fundamental semantic structures of media utopias combined with these simplification patterns increase their compatibility with many already existing discourses in various socioeconomic and sociocultural fields. […]«

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Querverweis: China & digitaler Kapitalismus

8. Februar 2018

Philipp Staab und Florian Butollo beschäftigen in einer kompakten WISO direkt-Analyse mit der zunehmenden Relevanz chinesischer Technologieunternehmen im sogenannten ›digitalen Kapitalismus‹:

»Jenseits der fortschreitenden, in ihrem Kern digital gestützten, Integration des Binnenmarktes stellt sich in diesem Zusammenhang vor allem die Frage der transnationalen Expansion der BAT-Unternehmen [Baidu, Alibaba, Tencent]. Vor allem Alibaba und Tencent übernehmen für den chinesischen Binnenmarkt wichtige Infrastrukturaufgaben und bilden entscheidende Knotenpunkte eines digitalisierten Modells des Binnenkonsums. Doch liegt im Bereich der globalen Integration chinesischer Unternehmen im Rahmen eines exportgetriebenen Wachstumsmodells ein zweiter bedeutender Aspekt chinesischer Wirtschaftspolitik.

[…] Gleichzeitig ist zu beobachten, wie sich Teile des BAT-Komplexes selbst transnationalisieren. Alle drei  Unternehmen sind nicht nur an der New Yorker Börse gelistet, sondern vor allem Alibaba und Tencent sind gerade im Begriff, jenseits ihres Heimatmarktes zu expandieren. Insbesondere die verbliebenen ›neutralen‹ Märkte sind dabei das Ziel der Expansionsbestrebungen – vor allem in Ländern Südostasiens, die hinsichtlich des Entstehens relativ konsumstarker neuer Mittelschichten Ähnlichkeiten mit China aufweisen.«


Querverweis: Wikimedia – Closing for the Benefit of Openness?

12. Januar 2018

In den Organization Studies ist jüngst der kostenfrei abrufbare Artikel »Closing for the Benefit of Openness? The case of Wikimedia’s open strategy process« von Laura Dobusch, Leonhard Dobusch und Gordon Müller-Seitz erschienen, der sich mit dem Verhältnis von Offenheit und Geschlossenheit in Open-Content-Communities auseinandersetzt. Der Text kommt zu dem Schluss, dass eine offen-partizipative Erarbeitung von Inhalten mit Schließungsprozessen in der Strategieentwicklung einhergeht (vgl. dazu: »Open-source Projects as Incubators of Innovation«):

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Kurz notiert: »Societal Implications of Big Data«

21. Dezember 2017

Der im Kontext des Arbeitskreises Soziologie des ABIDA-Projekts entstandene Überblicksartikel »Societal Implications of Big Data« lässt sich nun auf den Seiten der Zeitschrift KI – Künstliche Intelligenz (Springerlink) abrufen.

Modern societies have developed a variety of technologies and techniques to identify, measure and influence people and objects. […] Since 2015, a group of German social scientists has conducted the research project ›Assessing Big Data‹ (ABIDA) with the objective to analyze the societal implications of Big Data—particularly elaborating the question, in what way and to what extent modern technologies of data analysis entail novel societal benefits and risks that differ from previous socio-technical configurations. This paper sets out to discuss a couple of theses concerning this question.

Social scienceEngineering / Data science
GoalsSearch for explanation why something happens; develop theorySearch for accurate prediction of what happens; create algorithm
FocusExplanationPractical relevance
BeliefsData are biasedData have ground truth cases

After a short retrospective of digital data analysis, we lay out various applications of data analytics in the light of distinct research cultures between data science and social science. Subsequently, we elaborate how self-tracking and real-time control of complex systems on the basis of data analytics create new individual and collective practices that shape modern societies. As these practices bear many risks for individual rights and collective achievements, we finally shed light on various propositions for the regulation of Big Data. Our argument is that Big Data, real-time analysis and feedback loops increasingly foster a society of (self-)control. But at the same time, these technologies are highly contentious and set the stage for conflict—be it between academic disciplines or different political worldviews.


Kurz notiert: »Neue Irritationspotentiale in der digitalen Gesellschaft«

12. Dezember 2017

In dieser Woche ist der von mir und Marc Mölders zusammen verfasste Artikel »Neue Irritationspotentiale in der ›digitalen Gesellschaft‹« in der Zeitschrift für Rechtssoziologie 37(2) erschienen (De Gruyter | Preprint).

Die ›digitale Gesellschaft‹ verspricht erweiterte Spielräume in der Bearbeitung der Folgen funktionaler Differenzierung für eine Varietät zivilgesellschaftlicher Gegenmächte. Vor diesem Hintergrund nimmt unser Aufsatz die Synchronisationsprozesse zwischen Medien, Politik und Recht in den Blick und diskutiert neue Irritationspotentiale gegenüber autonom operierenden Systemen. Wir beginnen mit einem Rekurs auf die rechtssoziologische Theorie reflexiver Steuerung und stellen danach zentrale Thesen zur Beschleunigung der Korrektur(bedürftigkeit) der Gesellschaft durch Digitalisierung und Internet vor. Daran anknüpfend explizieren wir entlang empirischer Fallskizzen die These, dass eine Effektivierung der Kommunikation alleine noch nicht zu einer erhöhten Annahmewahrscheinlichkeit für die jeweiligen Korrekturanfragen durch das adressierte System führt, sondern dass das Finden und Herstellen anschlussgünstiger Formen nach wie vor ein organisational aufwändiger Prozess ist, der nicht technisch überbrückt werden kann und das Recht in einer zwar veränderten, aber wesentlichen Rolle sieht. Abschließend ordnen wir unsere Überlegungen in eine evolutionäre Perspektive ein.


Kurz notiert: »Der Akteur: Konstruktion und Dekonstruktion einer Beobachtungskategorie«

1. Dezember 2017

Ende November ist die Österreichische Zeitschrift für Soziologie 42(4) erschienen – und mit ihr mein Artikel »Der Akteur: Konstruktion und Dekonstruktion einer Beobachtungskategorie« (SpringerLink | Preprint).

Der Beitrag vertritt die These, dass akteurzentrierte und systemtheoretische Zugriffsweisen weniger in einem konkurrierenden als in einem komplementären Verhältnis zueinander stehen, da sie ihr soziologisches Seziermesser auf divergenten Untersuchungsebenen ansetzen. Vor diesem Hintergrund wird zunächst die Konstruktion der Beobachtungskategorie des „Akteurs“ im akteurzentrierten Institutionalismus beleuchtet, bevor die Dekonstruktion individueller und überindividueller Akteure als stabile Handlungseinheiten in der Theorie sozialer Systeme nachgezeichnet wird. Daran anknüpfend werden am Beispiel der durch die Onlinetechnologien angestoßenen Transformationsprozesse die jeweiligen Beobachtungsschwerpunkte und -lücken illustriert. Der Text mündet in einem Plädoyer für ein produktives Nebeneinander beider Perspektiven.


Kausal rekonstruierende Fallstudien (Skript)

17. November 2017

Die kausal rekonstruierende Fallstudie nimmt in der sozialwissenschaftlichen Methodenlehre eine eher randständige Position ein, da sie sich weder als rezeptartig durchführbare Erhebungstechnik noch als dezidiertes methodologisches Paradigma beschreiben lässt. Vielmehr werden im Rahmen dieses Forschungsansatzes vielfältige Erhebungs- und Auswertungsmethoden gegenstandsbezogen miteinander kombiniert, um ein möglichst umfassendes Bild sozialer Wirklichkeit zu zeichnen.

Anders als in der theoriegeleiteten empirischen Sozialforschung, in der zunächst Hypothesen aus existenten sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleitet werden, die danach (mit quantitativen Methoden) empirisch überprüft werden, bauen theoretische und empirische Arbeiten im Falle problemorientierter Vorgehensweisen nicht sequentiell aufeinander auf, sondern werden im Sinne der ›Grounded Theory‹ iterativ ineinander verschränkt: Die eingangs aufgestellten Arbeitsthesen und Konzeptualisierungen werden auf der Basis empirischer Beobachtungen fortlaufend spezifiziert und verdichtet, um auf diese Weise verallgemeinerbare Muster zu identifizieren und generalisierbare Erklärungen zu erarbeiten. Kausal rekonstruierende Fallstudien münden in empirisch begründeter Theoriebildung.



Nachfolgendes Skript bietet einen Überblick über das grundsätzliche Vorgehen in kausal rekonstruierenden Fallstudien (Dokumenten- und Datenanalysen, problemzentrierte Interviews, Analyse digitaler Kommunikation etc.).
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Splitter: Open-source projects as incubators of innovation

20. Oktober 2017

In diesen Tagen ist mein Artikel »Open-source projects as incubators of innovation: From niche phenomenon to integral part of the industry« in Convergence erschienen:

Over the last 20 years, open-source development has become an integral part of the software industry. Against this backdrop, this article seeks to develop a systematic overview of open-source communities and their socio-economic contexts. I begin with a reconstruction of the genesis of open-source software projects and their changing relationships to established information technology companies. This is followed by the identification of four ideal-type variants of current open-source projects that differ significantly in their modes of coordination and the degree of corporate involvement. Further, I examine why open-source projects lost their subversive connotations while, in contrast to former cases of collective invention, remaining viable beyond the initial phase of innovation.