Splitter: Digital Markets Act und Digital Services Act – »Die Demokratie ist zurück«?

25. April 2022

Der Digital Markets Act und der Digital Services Act der EU – und damit die ersten ernsthaften übergreifenden Regulierungsmaßnahmen gegenüber Internetplattformen in Europa – sind nun (bald) einsatzbereit und Margrethe Vestager, seit 2014 EU-Kommissarin für Wettbewerb und seit 2019 geschäftsführende Vizepräsidentin und Kommissarin für Digitales, kommentiert: »Die Demokratie ist zurück.«

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Kurz notiert: Plattformzentrierte Arbeitskoordination im kommerziellen und kooperativen Fahrradkurierwesen

28. Februar 2022

In dem derzeit kostenfrei abrufbaren Aufsatz »Plattformzentrierte Arbeitskoordination im kommerziellen und kooperativen Fahrradkurierwesen« (Arbeit 30, Heft 4) vergleichen wir den Einsatz digitaler Plattformen in kommerziellen und kooperativen Arbeitszusammenhängen. Auf der Basis zweier Fallstudien zu dem automatisierten Arbeitsmanagement in der kommerziellen Gig Economy und der kollektiven Nutzung informationstechnischer Plattformen in kooperativen Projekten diskutieren wir das veränderte Zusammenspiel von technischen und sozialen Strukturierungsleistungen in der Koordination von Arbeit. Der Artikel kommt zu folgendem Schluss:

Wie sich die Plattformisierung von Arbeitszusammenhängen ausspielt und welche der ermöglichenden, strukturierenden und kontrollierenden Eigenheiten informationstechnischer Plattformen fallweise hervortreten, hängt […] vor allem anderen von den konkreten Implementationsweisen und den in den jeweiligen Arbeitszusammenhängen gegebenen sozioökonomischen Grundkonstellationen ab. Eine offen gehaltene informationstechnische Infrastruktur, die von ihren Nutzer*innen angepasst werden kann, mehrere komplementäre Kommunikationskanäle anbietet und in horizontal angelegte Arbeitszusammenhänge eingebettet ist, eröffnet vielfältige Möglichkeiten zur Mitbestimmung und Mitgestaltung. Geschlossene und proprietär betriebene Koordinationsplattformen, wie sie sich in […] der Gig Economy finden lassen, folgen hingegen rein ökonomischen Orientierungen und können den Austausch unter den Arbeitnehmenden effektiv behindern, deren Atomisierung befördern und in einem weitreichenden Kontrollregime resultieren.

Gleichzeitig zeigt sich […], dass technisch eröffnete Möglichkeitsräume der Automatisierung, Standardisierung und Kontrolle mit zunehmender sozioökonomischer Lebensdauer regelmäßig Objekt arbeitspolitischer Aushandlungsprozesse und öffentlicher Debatten werden, auf die Plattformunternehmen in der Ausgestaltung der soziotechnischen Regulationsmuster ihrer Plattformen und der anliegenden Arbeitsbedingungen in der einen oder anderen Form reagieren müssen, um ihr Geschäft einträglich zu halten.


Kurz notiert: Rezension zu »Digitale Transformation«

29. November 2021

Auf Soziopolis (29.11.2021) bespricht Jonathan Kropf den von mir verfassten Einführungsband »Digitale Transformation« (2021, UTB/transcript) wie folgt:

»Im öffentlichen wie im sozialwissenschaftlichen Diskurs über Digitalisierung finden sich zahlreiche Disruptionsnarrative: Buzzwords wie Web 2.0, Big Data oder künstliche Intelligenz wollen jeweils einen epochalen Umbruch markieren. Es ist vor diesem Hintergrund so bemerkenswert wie angenehm, dass das jüngste Buch von Jan-Felix Schrape die Digitalisierung eben ›nicht als disruptive[n] Bruch […], sondern als inkrementelle[n] Veränderungsprozess‹ (S. 81) perspektiviert. Digitale Transformation […] versteht sich dabei in erster Linie als Lehrbuch und Einführung (S. 12 f.), ist darüber hinaus aber auch Forschenden zu empfehlen, die sich mit Fragen der Digitalisierung beschäftigen und sich einen flüssig zu lesenden und aktuellen Überblick wünschen.

[…] In der Gesamtschau sind das gewissenhafte Vorgehen und die differenzierte Argumentation des Autors hervorzuheben. Schrape betont durchgängig die Ambivalenz der beschriebenen Entwicklungen. Mal schlage das Pendel stärker in Richtung einer Erweiterung und Ermöglichung von Handlungsoptionen, Kreativität und Spontanität aus, mal schwinge es eher in Richtung einer vermehrten Strukturierung und sozialen Kontrolle. Zudem ist durchweg seine Skepsis gegenüber geschichtsvergessenen Erzählungen erkennbar, etwa wenn er betont, dass die Digitalisierung viele bereits bestehende Trends im Bereich der Arbeit lediglich verstärkt, nicht aber hervorgebracht hat (vgl. S. 101–105).

Den Kapiteln ist anzumerken, dass der Autor zu den jeweiligen Themen bereits seit einigen Jahren regelmäßig publiziert. Entsprechend klar und fundiert fällt die Darstellung aus […]. So lässt sich zusammenfassend konstatieren, dass der Band erkennbar von den Vorarbeiten und der Forschungsperspektive des Autors geprägt ist. Die Darstellung von Forschungsfeld und -gegenstand weist damit einen leichten Bias auf; ich möchte das Buch Lernenden und Lehrenden der Soziologie trotzdem empfehlen, kann es ihnen doch als gleichzeitig historisch informierter und aktueller Einstieg in das Thema der digitalen Transformation nützlich sein. Hilfreich dabei ist insbesondere die übersichtliche Gestaltung, unterstützt durch einen klaren Aufbau, zahlreiche Abbildungen und Tabellen sowie stichwortartige Zusammenfassungen am Seitenrand […].«


ARD-ZDF-Onlinestudie 2021: Tägliche Nutzung von Social Media in der BRD (%)

16. November 2021

Die ARD-ZDF-Onlinestudie 2021 (CATI, 40% Mobilfunkanteil, N=2001, Erhebungszeitraum März/April 2021) ist im Anfang November erschienen. Mit Blick auf die tägliche Nutzung – und damit die Alltagsintegration – von Social Media zeigt sich anhand ihrer Erhebungsergebnisse, dass es mit Ausnahme des seit 2009 operierenden Messaging-Dienstes WhatsApp nach wie vor keine allseits verwendete Plattform gibt, sondern die populären Angebote u.a. je nach Altersgruppe eine alternierende Verwendung erfahren. Anders als das ausgehend von der journalistischen Berichterstattung angenommen werden könnte, spielt Twitter in der alltäglichen Social-Media-Nutzung in Deutschland keine prominente Rolle.

 Gesamt 2018Gesamt 2019Gesamt 2020Gesamt 202114–2930–4950–6970+
WhatsApp6563687091836139
Facebook192114151724124
Instagram9131518551660
Snapchat6566280
Twitter12222211
Twitch11271
TikTok1251921


Splitter: In digitaler Gesellschaft

10. Oktober 2021

In diesen Tagen erscheint bei Transcript der Sammelband »In digitaler Gesellschaft«, herausgegebenen von Kathrin Braun und Cordula Kropp (als Open-Access-Publikation im Volltext kostenfrei abrufbar). Darin findet sich auch ein Beitrag von mir mit dem Titel »Öffentliche Kommunikation in der digitalisierten Gesellschaft«. Insgesamt verfolgt der Band das Ziel, »die Neukonfiguration demokratischer und kooperativer Technikgestaltung in digitaler Gesellschaft« zu untersuchen (Einleitung, S. 26ff.):

»Nicht nur Bürger und Bürgerinnen, zivilgesellschaftliche Akteur*innen, zukünftige oder gegenwärtige Nutzer und Nutzerinnen sind als noch immer relative neue Akteur*innen ins Feld der Technologiegestaltung eingetreten und bestimmen das Geschehen mit, sondern auch Roboter, Algorithmen, Simulationen, digitale Plattformen und Chatbots mischen sich offensichtlich in der repräsentativen Arena ein. Sie treten mit alten und relativ neuen Akteur*innen in Interaktion, bringen neue Ansprüche und Affordanzen ein, kooperieren in vielfach verschränkten Konstellationen und stellen die demokratische Gestaltung der neuartigen soziodigitalen Arrangements vor neue Herausforderungen. Die Chancen einer sinnvollen, gerechteren und nachhaltigkeitsorientierteren Neukonfiguration und das Verständnis der Bedingungen ihrer Realisierung stehen im Zentrum der folgenden Beiträge. Sie zeigen, dass sich das Verständnis von und die Beziehungen zwischen Expertise, soziotechnischen Arrangements, Gestaltungs- und Beteiligungsansprüchen durch diese neuen Konstellationen verändert. Dabei spielen nicht nur digitale Möglichkeiten und menschliche, nicht-menschliche und soziodigitale Akteur*innen eine Rolle, sondern auch wirkmächtige Visionen und Imaginationen, Macht- und Kräfteverhältnisse sowie Spannungen und Wechselbeziehungen zwischen diesen.

[…] Die Beiträge dieses Bandes zeigen, dass es ›die‹ soziodigitale Zukunft nicht gibt, sondern dass verschiedene Zukünfte um Realisierung konkurrieren und sich heute pfadbildende Entwicklungen vollziehen, die den Umgang mit digitalen Möglichkeitsräumen langfristig prägen werden. Die Frage, welche Pfade und welche alternativen Optionen mehr, welche weniger oder welche gar nicht wünschbar sind, ist dringend und verlangt nach einem demokratischen gesellschaftlichen Diskussions- und Gestaltungsprozess.«


#FreeFortnite: Aushandlungsprozesse in der Plattformökonomie

17. August 2020

Auf digitalen Märkten kristallisieren sich aufgrund von Netzwerkeffekten, der Knappheit kollektiven Vertrauens und der Komplexität ihrer Entwicklung auf Dauer häufig nur sehr wenige erfolgreiche intermediäre Plattformen heraus. Deren Betreiberunternehmen nehmen eine Gatekeeping-Position ein, da sie ähnlich wie mittelalterliche Städte als Veranstalter der damaligen Wochenmärkte festlegen, wer auf ihren Marktplätzen auftreten darf, welche Produkte dort zu welchen Qualitäten und Preisen angeboten werden können und welche Regelüberschreitungen zum (vorübergehenden) Ausschluss führen.

Ein prototypisches Beispiel für diese Definitionsmacht liefern die App Stores für Mobile Devices – also im Wesentlichen der Apple App Store und Google Play, welche ab 2008 gelauncht wurden, um einen Mehrwert für die entsprechenden Endgeräte und Ökosysteme zu schaffen. Inzwischen ermöglicht alleine der Apple App Store mit 200 Millionen Apps in 175 Ländern Umsätze von über 500 Mrd. US-Dollar (2019) und macht einen wesentlichen Teil der Service-Sparte aus, die neben Hardware der zweitgrößte Umsatzbringer für Apple ist – u.a., da das Unternehmen 30 Prozent jedes In-App-Kaufs als Transaktionsgebühr einbehält. Apple argumentiert seit Jahren, dass der Betrieb der Plattform teuer ist und diese Gebühren rechtfertigt; ebenfalls seit Jahren steht dieser ›Zoll‹ (sowie einige undurchsichtige Ausnahmen für große Anbieter wie Amazon) entwicklerseitig in der Kritik.

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CfP: »Digitale Daten und neue Methoden: Chancen und Herausforderungen für die Soziologie«

11. Februar 2020

Der Call for Papers für eine (der zwei) Veranstaltungen der Sektion Wissenschafts- und Technikforschung auf dem diesjährigen DGS-Kongress (14.-18. September 2020 in Berlin) zum Thema »Digitale Daten und neue Methoden: Chancen und Herausforderungen für die Soziologie« liegt nun vor:

Das Internet bzw. das Social Web bieten der Soziologie heute einen gewaltigen Pool an potenziell verfügbaren Daten (‚Big Data‘). Aus dieser Disponibilität ergibt sich allerdings eine Vielzahl an Schwierigkeiten – von der Problematik der Datenauswahl über wissenschaftliche Zugriffsrechte bis hin zu Fragen der Reliabilität, Repräsentativität und forschungsethischen Verortung. Da die zu analysierenden Daten zudem im Regelfall nicht durch die Forschenden selbst erhoben wurden, werden übliche Verfahren des Testens der Datengüte in Frage gestellt und die Möglichkeit zur (Selbst-)Täuschung über Korrelationen und Kausalitäten wächst. Daneben haben sich durch die verbreitete Nutzung von mobilen Geräten wie Smartphones aber auch die Möglichkeiten der sozialwissenschaftlichen Datenerhebung erweitert. Über entsprechende Smartphone-Anwendungen lassen sich beispielsweise Daten in unterschiedlicher Granularität kontinuierlich generieren und über verteilte Systeme kollaborativ auswerten. 

Aber wie valide sind die so gewonnenen Daten – gerade auch im Vergleich zu etablierten Erhebungsmethoden? Wie lassen sich die sehr weitreichenden Versprechen, die an ‚Big Data‘ geknüpft werden, in der empirischen Sozialforschung einlösen und welche Kritik lässt sich im Gegenzug anbringen? Welche Rolle spielen neue technische Infrastrukturen bei der Registrierung und Auswertung der Daten und welche Bedeutung hat dies für eine digitale Soziologie bzw. Computational Sociology? Inwiefern kann die Soziologie angesichts ihrer theoretischen Fundierung und ihrer umfänglichen Erfahrung mit komplexen Datenbeständen zu einer belastbaren Auswertung digitaler Massendaten beitragen?

Zum Call for Papers »


Call for Papers: Digital Platforms and the Transformation of Public Communication

20. November 2019

Auf der STS Conference Graz 2020 organisiere ich eine Session zum Thema »Digital Platforms and the Transformation of Public Communication« und freue mich auf instruktive Einreichungen zum angeschlagenen Thema:

Intermediary media platforms are not an exclusive phenomenon of the digital age […]. However, only with the establishment of the Internet and easy-to-use devices, recipients see themselves in a position to access the catalogue of the platforms themselves and to select the content with algorithmic tools—just as all usage dynamics can be aggregated and evaluated. Thus, on the one hand, ‘platforms’ as socio-technical coordination structures become the focus of attention; on the other hand, this change results in serious shifts in media economics and in the structures of public communication […]. Against this background, this session aims to explore the potentials and limits of given conceptions of the public sphere: 

To what extent do well-established theories continue to offer an informative classification foil in the investigation of public communication? 

Which novel dynamics of interaction and exchange remain invisible in traditional models of the public sphere? 

Which alternative conceptions of networked platform publics have so far proven to be instructive beyond individual case studies? 

Do the empirically observable dynamics in contemporary public communication even speak in favor of saying goodbye to ideas of a public sphere as a whole and of starting from multiple arenas of public communication that are at best loosely coupled with one another?


ARD/ZDF-Onlinestudie 2019: Kernergebnisse

11. Oktober 2019

In dieser Woche ist die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie erschienen, die bereits seit 1997 erhoben wird und insofern einen guten Überblick zu den langfristigen Verschiebungen im medialen Nutzungsverhalten bietet. Einige Kernergebnisse:

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Querverweis: »Reframing Platform Power«

23. Juli 2019

José van Dijck und Kollegen haben im OA-Journal Internet Policy Review jüngst den Artikel »Reframing Platform Power« veröffentlicht und schlagen darin drei paradigmatische Reorientierungen vor:

»First, academics and policymakers need to deliver a more precise analysis and nuanced assessment of how the integrated ecosystem of platforms functions. […] Such analyses can become more concrete when starting with an inquiry into selected areas of infrastructural power […]. But rather than examining them as single markets run by single proprietary ecosystems in the interests of consumers, it is essential to approach them as part of an integrated ecosystem inhabited by citizens who have become fully dependent on these systems for governing their personal and collective wellbeing.

Secondly, nuanced analyses of power in the integrated platform ecosystem can help articulate a cohesive set of governance principles, both at the EU-level as well as at national and local levels. New EU-reports evaluating approaches to platforms and data are beginning to show an awareness towards integrated societal interests […]. And at the local level, there is a growing awareness that cities and civil society organisations play a vital role in communal efforts to govern the platform society […].

Thirdly, an analytic reframing of platform power could nourish efforts in various countries to harmonise, expand, and update current regulation. Harmonising single regulatory frameworks for antitrust, consumer, and competition law with recent updated frameworks that address privacy, media regulation, and net neutrality may be a first step towards an integrative approach […].«