Betreff: KI-Slowdown

16. September 2026

Mitte September 2026 hat Anthropic-CEO Dario Amodei (nicht zum ersten Mal) dazu aufgerufen, die Entwicklung besonders leistungsfähiger KI-Systeme zu verlangsamen – diesmal allerdings mit quasi instantaner Unterstützung von Sam Altman, Demis Hassabis und Elon Musk. Der Anlass dafür ist eine Zuspitzung der Debatte um sogenannte »Frontier AI«: Im Zentrum stehen nicht mehr allein Falschinformationen, Urheberrechtsfragen oder die Veränderung von Arbeit, sondern Szenarien, in denen hochautonome Systeme Cyberangriffe skalieren, sich der Kontrolle entziehen oder zentrale gesellschaftliche Infrastrukturen gefährden könnten. Es brauche daher eine Verlangsamung oder Pause der KI-Entwicklung sowie unabhängige Prüfungsverfahren.

Darin liegt zunächst ein nachvollziehbares Anliegen: Wenn technische Systeme in immer mehr Arbeits-, Kommunikations- und Entscheidungszusammenhänge eingebunden werden, sollte ihre Entwicklung nicht allein durch Wettbewerbsdruck und kurzfristige Marktchancen bestimmt sein. Gleichzeitig ist der Aufruf nach einem »KI-Slowdown« kein neutraler Sicherheitsvorschlag, sondern Teil eines Konflikts über Deutungshoheit, Zuständigkeit und die legitime Gestaltung technischen Wandels – und hat daher berechtigte Kritik hervorgerufen (siehe u.a. The Guardian, Reason):

  • Eine erste Kritik betrifft die Glaubwürdigkeit der Forderung: Wenn gerade die Unternehmen, die massiv in immer leistungsfähigere Modelle, riesige Rechenzentren und die Erschließung neuer Einsatzmärkte investieren, nun zur Verlangsamung aufrufen, liegt die Frage nahe, warum sie ihr eigenes Entwicklungstempo nicht eigenständig reduzieren. Ein öffentlicher Ruf nach internationaler Koordination könne wie der Versuch erscheinen, die Verantwortung vom eigenen Unternehmen auf Staaten und Konkurrenten zu verlagern.
  • Eine zweite Kritik benennt die Gefahr eines Regulierungskartells: Strenge Regeln für Trainingsrechenleistung, Modellzugang, Evaluierung und Dokumentation könnten gerade jenen Unternehmen nützen, die bereits über Kapital, Cloud-Infrastruktur, exklusive Datenzugänge und große Compliance-Abteilungen verfügen. Kleinere Unternehmen, zivilgesellschaftliche Projekte und Open-Source-Initiativen würden dadurch noch abhängiger von wenigen marktführenden Plattformen.
  • Zum dritten verengt die Debatte den Blick auf hypothetische Fernrisiken: Die Vorstellung einer in naher Zukunft außer Kontrolle geratenen Superintelligenz mobilisiert zweifelsohne öffentliche Aufmerksamkeit, geht aber mit der Gefahr einher, gegenwärtige und empirisch greifbare Konflikte nachrangig erscheinen zu lassen, darunter die Ausbeutung von Daten- und Klickarbeit, urheberrechtlich umstrittene Trainingsdaten, Diskriminierungsrisiken, sozioökonomische Machtasymmetrien, die Umgestaltung qualifizierter Arbeit sowie der erhebliche Energie- und Ressourcenbedarf großer KI-Modelle.

Es geht insofern nicht nur darum, wie schnell KI leistungsfähiger wird; es geht darum, in welchen Bereichen sie eingesetzt wird, welche Entscheidungsrechte damit verbunden sind, wie Verantwortung zugerechnet werden kann und welche Akteure über die technischen Grundlagen verfügen.

Techniksoziologische Perspektiven

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Querverweis: »Schwundstufe des Analogen«

21. April 2026

Eine auch für sich genommen sehr anregende und aufschlussreiche Rezension zu dem Buch »Digitalisierung«* von Dirk Baecker findet sich auf Soziopolis. Darin stellt Sybille Krämer zentrale theoretische Problemstellungen der rezenten sozialwissenschaftlichen Digitalisierungsforschung heraus und kann sich hierbei den ein oder anderen Seitenhieb auf den ›Bau‹ der Systemtheorie nicht verkneifen:

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Jürgen Habermas und der digitale Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit

14. März 2026

Jürgen Habermas († 14. März 2026) war einer der profiliertesten deutschen Philosophen und Soziologen der Gegenwart – und hat sich bis zuletzt aus einer Langfristperspektive mit dem Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit im Horizont neuer soziotechnischer Konfigurationen auseinandergesetzt, so etwa in dem Text »Überlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit« (2021, 480, 498; open access in englisch 2022) wie folgt:

»In Europa hatte sich die bürgerliche Öffentlichkeit in ihrer literarischen und ihrer politischen Form erst allmählich aus dem Schatten älterer Formationen – vor allem der religiösen Öffentlichkeit des Kirchenregiments sowie der repräsentativen Öffentlichkeit der in Kaisern, Königen und Fürsten persönlich verkörperten Herrschaft – lösen können, nachdem die sozialstrukturellen Voraussetzungen für eine funktionale Trennung von Staat und Gesellschaft, von öffentlicher und privater wirtschaftlicher Sphäre erfüllt waren. Aus der lebensweltlichen Perspektive der Beteiligten betrachtet, steht deshalb die Zivilgesellschaft politisch aktiver Bürger von Haus aus in diesem Spannungsfeld der privaten und der öffentlichen Sphäre. Wir werden sehen, dass die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation die Wahrnehmung dieser Grenze zwischen privatem und öffentlichem Lebensbereich verschwimmen lässt, obgleich sich die sozialstrukturellen Voraussetzungen für diese auch rechtssystematisch folgenreiche Unterscheidung nicht verändert haben. Aus der Sicht der halb privaten, halb öffentlichen Kom-
munikationsräume, in denen sich heute die Nutzer sozialer Medien bewegen, verschwindet der inklusive Charakter einer bis dahin von der Privatsphäre erkennbar getrennten Öffentlichkeit.

[…] In den Kommunikations- und Sozialwissenschaften ist es inzwischen üblich, von disrupted public spheres zu sprechen, die sich vom Raum der journalistisch institutionalisierten Öffentlichkeit entkoppelt haben. Aber für die wissenschaftlichen Beobachter wäre es falsch, daraus die Konsequenz zu ziehen, die Beschreibung dieser symptomatischen Erscheinungen von demokratietheoretischen Fragen überhaupt abzutrennen.Denn die Kommunikation in verselbständigten Halböffentlichkeiten ist ja selbst keineswegs entpolitisiert; und selbst wo das zutrifft, ist die prägende Kraft, die diese Kommunikation für die Weltsicht der Beteiligten hat, nicht unpolitisch. Ein demokratisches System nimmt im ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Bürger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender öffentlicher, und das heißt: qualitativ gefilterter Meinungen, nicht mehr gewährleisten kann.«


»The 2028 global intelligence crisis« – eine kurze techniksoziologische Einordnung

25. Februar 2026

Vorderhand plausible potenzielle Technikzukünfte können weitreichende Effekte auf die Gegenwart haben – das zeigt sich jüngst erneut am Beispiel eines Blog-Posts von Citrini Research. Der Post ist überschrieben mit »The 2028 global intelligence crisis« und entwirft eine nahe Zukunft, in der (generative) künstliche Intelligenz die meisten Arbeitsaufgaben der ›Mittelschicht‹ übernimmt, was in Massenentlassungen, einer disruptiv kollabierenden Konsumwirtschaft und gleichzeitig rekordverdächtigen Unternehmensgewinnen resultieren soll. Kurz: Wirtschaftsunternehmen investieren laut diesem Post 2028 nicht mehr in Angestellte, sondern in KI-Technik. Prompt gingen die Aktien von Softwareanbietern, Zahlungsdienstleistern und weiteren Service-Anbietern an den globalen Finanzmärkten auf Talfahrt.

Der Post ist allerdings explizit als »scenario, not a prediction« markiert. Er ist im Stil eines What-if-Reports aus dem Juni 2028 verfasst, verarbeitet nahezu alle derzeit flottierenden KI-Narrative und bietet insofern einen umfassenden Überblick über gängige Zuschreibungen an intelligente Technologie. Er kommt zu folgendem dystopischen Resümee:

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Querverweis: Schitt’s Creek

8. Oktober 2025

Schitt’s Creek (2015–2020) ist eine humorige und gleichzeitig höchst feinsinnige Serie, die in einigen Streaming-Milieus Kultstatus erreicht hat. Nun hat sich der Regensburger Medienwissenschaftler Herbert Schwaab auf Soziopolis ausführlich mit der Serie auseinandergesetzt und betont dabei das »Potenzial des Sitcom-Genres, Gemeinschaft abzubilden und zum Nachdenken über das Wesen von Solidarität und Gesellschaft anzuregen«:

»Schitt’s Creek ist eine klassische Sitcom, weil sie Menschen und ihren Alltag beobachtet, sich bisweilen geradezu analytisch auf das Verhalten von Menschen ausrichtet. Sie pendelt zwischen den Extremen einer künstlichen Performance und einer mal nüchternen, mal poetischen Beobachtung. […] Sie hat zudem das Potenzial der Sitcom im Besonderen und des Fernsehens im Allgemeinen realisiert, Bilder von Gemeinschaften zu konstruieren – ein Potenzial, das das Fernsehen immer noch besitzt, auch wenn es sich mittlerweile in die vielen Öffentlichkeiten von Nischensendern und Streamingdiensten ausdifferenziert hat […].

Dass eine Sitcom nicht nur eine Abbildung des banalen Alltags, sondern auch dessen Apotheose sein kann, zeigt sich in einer der letzten Szene aus der sechsten Staffel von Schitt’s Creek, in der David und Stevie auf einem Auto sitzen und über das drohende Ende von Davids Beziehung zu seinem Freund Patrick diskutieren. Wir sind nicht nur von Davids ungewohnten Tränen bewegt, sondern auch von den Geräuschen des Windes, die sich immer stärker in den Vordergrund drängen und sich wie eine zweite Schicht über den Dialog legen. So nah ist die vom Alltag faszinierte Sitcom der Wirklichkeit selten gekommen.«


Splitter: Pew-Studie zu Google AI Overviews

2. August 2025

Mit der raschen Verbreitung von ChatGPT und Co. ab Ende 2022 sind zahlreiche aufmerksamkeitsheischende Überschriften entstanden, die einen mehr oder minder schnellen ›Tod‹ der klassischen Google-Suche in Aussicht stellten, welche in den letzten Dekaden einen mehr als üblichen Einstieg in die Internetrecherche bot.

Diese Einschätzungen lassen sich aus heutiger Sicht als übertrieben markieren; nichtsdestoweniger aber verändert die zunehmende Alltagsintegration von KI-basierten Services zur situativen Komplexitätsreduktion zweifelsohne für viele Menschen die Art und Weise, wie Informationen rezipiert werden. Seit Frühjahr 2024 hat Google ferner in den USA und danach in weiteren Ländern (seit März 2025 auch in Deutschland) sogenannte »AI Overviews« eingeführt, die vor den eigentlichen Suchergebnissen zu finden sind.

Eine aktuelle Studie des Pew Research Centers hat nun anhand von 69.000 Suchanfragen von 900 Google-Nutzenden in den USA untersucht, wie sich durch diese Integration von KI-Angeboten in die Websuche das Klickverhalten verändert. Das Ergebnis ist eindeutig: Sofern eine KI-Zusammenfassung angezeigt wird (dies war in 18% der Fälle der Fall), halbierte sich die weitere Klickrate und nur noch 8% der Nutzenden klickten auf eines oder mehrere der verlinkten Suchergebnisse. Auch die in den KI-Zusammenfassungen angebotenen Links wurden nur von einer kleinen Minderheit weiterverfolgt. 26% der Nutzenden beendeten die Google-Sitzung nach der Anzeige der KI-Zusammenfassung umgehend.

Dieser Trend erscheint nicht nur für (professionelle) Anbieter von Inhalten problematisch, deren Websites dadurch an Reichweite verlieren könnten, sondern ebenso mit Blick auf das allgemeine Informationsverhalten – nicht nur, weil alle bislang existenten generativen KI-Systeme architekturbedingt immer wieder irreführende oder schlicht falsche Zusammenfassungen liefern, sondern auch, weil durch die Integration von »AI Overviews« in Google und andere Suchmaschinen nunmehr nicht mehr nur KI-Intensivnutzer:innen, sondern auch damit vollkommen unerfahrene Menschen mit deren Antworten konfrontiert werden.


Digital News Report 2025

17. Juni 2025

Der seit 2012 erhobene Reuters Institute Digital News Report 2025 ist erschienen. Er bietet einen umfassenden Überblick zur weltweiten Rezeption von Nachrichten und Nutzung aktueller Informationsquellen. In Deutschland fand die Erhebung zwischen dem 16. und 30. Januar 2025 statt; die Stichprobe ist für Onliner ab 18 Jahren repräsentativ. Hier die wichtigsten Links dazu:

Einige Kernergebnisse:

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