In den letzten zehn Jahren ist das Interesse an der Wissenschafts- und Technikforschung im deutschsprachigen Raum rasant gewachsen. Die in diesem Lehrbuch versammelten Beiträge geben sowohl Studierenden als auch Lehrenden und Forschenden kompakte Einblicke in zentrale Konzepte und aktuelle Perspektiven dieses vielschichtigen Forschungsfeldes. Das Buch unterstützt damit die Etablierung der Wissenschafts- und Technikforschung im universitären Lehrkanonsowie in der derzeitigen Forschungslandschaft. Dabei nimmt es internationale und interdisziplinäre Bezüge auf und verbindet sie mit aktueller Forschung im deutschsprachigen Raum.
Die einzelnen Beiträge decken fünf Themenbereiche im Spannungsfeld von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft ab: die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft (1), Fragen der Hochschul- und Wissenschaftsforschung (2), Perspektiven auf Materialität und Medialität (3) sowie Digitalität (4) von Wissenschaft und Technik und schließlich Macht und Politik (5). Hierzu greifen die Beiträge auf ein breites Repertoire sozialwissenschaftlicher Konzepte, Theorien und Methoden zurück. Sie ermöglichen ein tieferes Verständnis für die sozialen Bedingungen und Folgen von Wissenschaft und Technik sowie eine kritische Auseinandersetzung damit.
Der seit 2012 erhobene Reuters Institute Digital News Report 2026 ist erschienen. Er bietet einen umfassenden Überblick zur weltweiten Rezeption von Nachrichten und Nutzung aktueller Informationsquellen. In Deutschland fand die Erhebung zwischen dem und dem 22. Januar 2026 statt; die Stichprobe ist für Onliner ab 18 Jahren repräsentativ. Hier die wichtigsten Links dazu:
67 Prozent der Befragten nutzen min. einmal pro Woche Nachrichten im Internet; 36 Prozent kommen dort min. wöchentlich mit Nachrichten in Kontakt.
60 Prozent der 18- bis 24-Jährigen rezipieren Nachrichten auf Social-Media-Plattformen; für 44 Prozent sind News über Social Media die wichtigste Quelle; für 17 Prozent sind sie »die einzige Quelle für Nachrichten«.
90 Prozent der Befragten kommen mehrmals pro Woche mit Nachrichten im TV, Radio, in der Zeitung oder im Netz in Berührung.
Eine wichtige Rolle hinsichtlich der Zugangswege spielen große Medien- und Nachrichtenmarken: »35 Prozent gehen regelmäßig direkt auf die Website oder App eines Nachrichtenangebots. Zusammen mit dem Zugriff auf eine bestimmte Nachrichtenmarke über Suchmaschinen verwenden 50 Prozent regelmäßig einen gezielten Zugang zu Nachrichtenmarken.«
Nur rund fünf Prozent der Befragten gaben an, »in der vergangenen Woche« einen KI-Chatbot genutzt zu haben, um sich im Nachrichtenbereich zu informieren. Bei den 18-bis 24-Jährigen waren es 8 Prozent.
11 Prozent der Befragten insgesamt haben nach eigener Aussage im letzten Jahr für Online-Nachrichten bezahlt oder ein kostenpflichtiges Online-Angebot genutzt. Bei den 25- bis 34-Jährigen lag dieser Anteil bei 22 Prozent (2015: 15 Prozent).
Das Thema Open-Source-Software bietet nach wie vor viele Untersuchungspotenziale für die sozialwissenschaftliche Forschung (meine Arbeiten dazu: Schrape 2015, 2016, 2016b, 2018, 2019, 2024, 2025), auch weil das Verhältnis von etablierten IT-Unternehmen und Open-Source-Projekten häufig mißverständlich dargestellt wird.
Tatsächlich sind die proprietäre und quelloffene Softwarentwicklung bereits seit Jahrzehnten eng ineinander verwoben – und inzwischen sind alle führenden IT-Unternehmen aktiv in die Entwicklung von Open-Source-Software (OSS) involviert. Apples Betriebssystem-Pakete macOS, iOS, tvOS und watchOS beispielsweise basieren im Kern auf dem Unix-ähnlichen Open-Source-Betriebssystem Darwin und enthalten Hunderte weiterer OSS-Komponenten (u.a. WebKit und XQuartz).
Ein anderes Beispiel ist Microsoft: Das Unternehmen, das OSS 2001 als „intellectual property destroyer“ bezeichnet hatte, gründete 2012 seine Tochtergesellschaft MS Open Technologies und begann, sich in verschiedenen OSS-Stiftungen zu engagieren. Seitdem hat das Unternehmen Teile des .NET Frameworks, Software-Entwicklungskits für seinen Cloud-Computing-Dienst Azure sowie zahlreiche weitere Komponenten unter OSS-Lizenzen veröffentlicht. Seit 2017 gilt Microsoft neben Google/Alphabet als weltweit führende korporative OSS-Beiträger; 2018 übernahm Microsoft GitHub (siehe Schrape 2026, S. 131f.):
»Ein anschauliches Beispiel für das Ineinandergreifen offener und proprietärer Innovationsdynamiken ist die Plattform GitHub, die nach ihrer Gründung 2008 binnen weniger Jahre zum zentralen Drehund Angelpunkt der globalen Open-Source-Softwareentwicklung geworden ist […]: Sie hat mit ihren standardisierten Repositorien, Schnittstellen und Tools einerseits die Ablaufeffektivität und die Austauschmöglichkeiten in und zwischen Open-Source-Projekten erheblich verbessert, andererseits aber auch zu einer Kanalisierung der individuellen und kollektiven Handlungsspielräume sowie zu einer zunehmenden Marktorientierung der Entwicklungsvorhaben beigetragen. Ferner hat GitHub zwischen 2012 und 2015 mehr als 300 Mio. US-Dollar an Wagniskapital eingeworben und wurde 2018 von dem Unternehmen Microsoft akquiriert, das inzwischen mehrere proprietäre Dienste in die Plattform integriert hat, so ab 2023 das KI-Tool GitHub Copilot. Dadurch sind die kommerzielle Softwareindustrie und kollaborative Open-Source-Communities auch infrastrukturell näher zusammengerückt.«
Mehr noch: Gerade im Bereich der kritischen Infrastrukturen des Internets nimmt OSS bereits seit den 1990er-Jahren eine fundamentale Rolle ein. Viele dieser OSS-Projekte wiesen lange Zeit freilich nur ein geringes Maß an organisatorischer Struktur auf und wurden in erster Linie von technischen Erfordernissen bestimmt.
Anlässlich der 2. Auflage des Bandes »Digitale Transformation« habe ich einen kleinen Beitrag für das [transcipt] Blog verfasst. Einige Ausschnitte daraus:
[…] Wer die KI‑Debatten der letzten Jahre verfolgt, erkennt einen vertrauten Rhythmus: ein technischer Durchbruch, ein rapider Diffusionsschub, euphorische Versprechen, dystopische Kassandrarufe – und dazwischen die Suche nach gesellschaftspolitischer Einhegung und alltagspraktischer Orientierung. Eine Langfristperspektive auf die digitale Transformation zeigt, dass dieses Muster keineswegs neu ist: Computer sollten in den 1970er‑ und 1980er‑Jahren ganze Berufsbilder vernichten und zugleich die Wissensarbeit revolutionieren. Das Internet und das Web 2.0 wurden als Ende der Massenmedien und Beginn einer demokratisierten ›Weisheit der Vielen‹ gefeiert – und später als Infrastrukturen einer neuen digitalen Allmacht kritisiert. ›Big Data‹ versprach Allwissenheit, weckte aber zugleich Überwachungsängste à la George Orwells »1984«.
Generative KI reiht sich in dieses Muster ein: Sie markiert zweifellos eine neue Stufe der Automatisierung kognitiver Routinen, wird in vielen Debatten allerdings so behandelt, als könne nunmehr die schiere Kraft der Technik alleine die Gesellschaft ›umstülpen‹. Eine Rekonstruktion der digitalen Transformation als Langfristprozess erinnert demgegenüber daran, dass soziotechnischer Wandel immer schon ein Zusammenspiel von technischer Innovation, soziokultureller Aneignung, institutioneller Einbettung und politischer Auseinandersetzung war – und bleibt.
[…] Weder bloßer Technikoptimismus noch reine Dystopie werden mithin dem laufenden soziotechnischen Umbruch gerecht, so medienwirksam entsprechende Thesen auch sein mögen. Die rapide gesellschaftsweite Diffusion generativer KI markiert fraglos eine neue Phase in der digitalen Transformation – vergleichbar mit der Etablierung des Internets in den 1990er-Jahren oder der Plattformisierung zahlreicher sozioökonomischer Austauschprozesse und Kommunikationsdynamiken seit Mitte der 2000er-Jahre. Schon diese Phasen soziotechnischen Wandels, ohne die der Aufstieg rezenter KI-Systeme sowohl in technischer und ökonomischer als auch alltagspraktischer Hinsicht kaum denkbar gewesen wäre, waren freilich von Ungleichzeitigkeiten, Uneindeutigkeiten und widersprüchlichen Effekten geprägt.
Insofern gilt es, technologische Innovationen weder zu verklären noch zu verteufeln, sondern sich des unauflösbaren Verschränkungszusammenhangs von Technik und Gesellschaft sowie den damit einhergehenden Ambivalenzen immer wieder neu bewusst zu werden – und konkrete Gestaltungspotenziale und -konflikte in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht ist das im Moment das Wichtigste: den laufenden soziotechnischen Wandel um ›Künstliche Intelligenz‹ ernst zu nehmen sowie gesellschaftliche Institutionen und demokratische Verfahren darauf einzustellen, ohne die Kraft der Technik per se zu überhöhen oder uns von diskursiven Technikzukünften in Panik versetzen zu lassen.
Der Studienband »Digitale Transformation« in der Reihe Einsichten: Themen der Soziologie ist nun in zweiter Auflage erschienen (weitere Informationen bei transcript und UTB). Aus der Einleitung:
In den Media Perspektiven findet sich eine bündige Zusammenschau der JIM-Studie 2025 mit Blick auf die KI-Nutzung von Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren in Deutschland (PDF):
50 Prozent der Befragten nutzten ChatGPT mehrmals die Woche oder täglich; im Falle von Google Gemini waren es 12 Prozent; im Falle von Meta AI 8 Prozent. Andere Angebote verzeichneten deutlich geringere Werte.
Unter den KI-Nutzenden setzten ca. 75 Prozent entsprechende Angebote »für Hausaufgaben oder zum Lernen« ein (in Gymnasien: 79 Prozent), 70 Prozent, »um sich zu informieren«, und 47 Prozent »zum Spass«.
57 Prozent stimmen der Aussage »Den Infos von KI kann man vertrauen« zu; ein ähnlicher Anteil vermutet, dass KI »Menschen aus Berufen verdrängen« wird – aber auch, dass KI dabei hilft, »die Herausforderungen der Zeit zu bewältigen«.
Angesichts der raschen Veralltäglichung der bewussten oder unbewussten KI-Nutzung (etwa über Suchmaschinen oder Sprachassistenten) hebt der Überblick die »Bedeutung von Informations- und Nachrichtenkompetenz« hervor: »Jugendliche müssen KI erkennen, KI-basierte Antworten einordnen, Quellen prüfen und aufmerksam ein, ob KI nicht lieber ›halluziniert‹, als Wissenslücken preiszugeben. All diese Kompetenzen müssen sich auch Erwachsene erst aneignen. Diese Fähigkeiten zu vermitteln und entsprechende Angebote bereitzustellen, ist eine gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik.«
»In Europa hatte sich die bürgerliche Öffentlichkeit in ihrer literarischen und ihrer politischen Form erst allmählich aus dem Schatten älterer Formationen – vor allem der religiösen Öffentlichkeit des Kirchenregiments sowie der repräsentativen Öffentlichkeit der in Kaisern, Königen und Fürsten persönlich verkörperten Herrschaft – lösen können, nachdem die sozialstrukturellen Voraussetzungen für eine funktionale Trennung von Staat und Gesellschaft, von öffentlicher und privater wirtschaftlicher Sphäre erfüllt waren. Aus der lebensweltlichen Perspektive der Beteiligten betrachtet, steht deshalb die Zivilgesellschaft politisch aktiver Bürger von Haus aus in diesem Spannungsfeld der privaten und der öffentlichen Sphäre. Wir werden sehen, dass die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation die Wahrnehmung dieser Grenze zwischen privatem und öffentlichem Lebensbereich verschwimmen lässt, obgleich sich die sozialstrukturellen Voraussetzungen für diese auch rechtssystematisch folgenreiche Unterscheidung nicht verändert haben. Aus der Sicht der halb privaten, halb öffentlichen Kom- munikationsräume, in denen sich heute die Nutzer sozialer Medien bewegen, verschwindet der inklusive Charakter einer bis dahin von der Privatsphäre erkennbar getrennten Öffentlichkeit.
[…] In den Kommunikations- und Sozialwissenschaften ist es inzwischen üblich, von disrupted public spheres zu sprechen, die sich vom Raum der journalistisch institutionalisierten Öffentlichkeit entkoppelt haben. Aber für die wissenschaftlichen Beobachter wäre es falsch, daraus die Konsequenz zu ziehen, die Beschreibung dieser symptomatischen Erscheinungen von demokratietheoretischen Fragen überhaupt abzutrennen.Denn die Kommunikation in verselbständigten Halböffentlichkeiten ist ja selbst keineswegs entpolitisiert; und selbst wo das zutrifft, ist die prägende Kraft, die diese Kommunikation für die Weltsicht der Beteiligten hat, nicht unpolitisch. Ein demokratisches System nimmt im ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Bürger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender öffentlicher, und das heißt: qualitativ gefilterter Meinungen, nicht mehr gewährleisten kann.«