Medien in den 1950er Jahren – Teil II: Der Beginn des Fernsehzeitalters

7. Dezember 2013

In die Medienlandschaft der frühen Bundesrepublik, die von Film, Funk und Presse dominiert wurde, trat am 25.12.1952 das Fernsehen mit einem ersten regelmäßigen Programm von 20.00 bis 22.00 Uhr. Doch die »Attacke der leichten Kavallerie« (James Joyce) wurde zunächst kaum wahrgenommen: weder von der Bevölkerung, noch von der Filmindustrie. Das zweitägige Eröffnungsprogramm des NWDR-Fernsehens bestand aus Eröffnungsansprachen, zwei Fernsehspielen, der Übertragung des DFB-Pokalfinales, der ersten Tagesschau und einer Unterhaltungsshow mit Peter Frankenfeld. Eine der bekanntesten Reaktionen auf diesen Programm-Cocktail war das Telegramm des Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers an den zuständigen Programmdirektor: »Sah eben ihr Fernsehprogramm. Bedaure, dass Technik uns keine Mittel gibt, darauf zu schießen« (Spiegel 7/1953: 32).

Der erste Fernseher

Allerdings hatten nur wenige Teile der Bevölkerung zum Startschuss des bundesdeutschen Fernsehens die Möglichkeit, sich überhaupt eine Meinung über das Gesendete zu bilden: Zur Jahreswende 1952/53 wurden lediglich 300 angemeldete Zuschauer registriert und bis 1955 steigerte sich diese Zahl gerade mal auf 80.000 Teilnehmer. Nach einer bundesweiten Umfrage (IfD 1955) kannten im selben Jahr 47 Prozent das Fernsehen durch Gaststättenbesuche, 22 Prozent aus Schaufenstern sowie 18 Prozent durch Verwandte und Bekannte. 28 Prozent  der Bevölkerung waren noch ohne Bildschirmerlebnis. Das Fernsehen konnte bis Mitte der 50er Jahre also kaum eine mediale Revolution auslösen, sondern glich eher einem noch schlafenden Riesen.

In der zweiten Hälfte der betrachteten Dekade griff indes der sogenannte »Fahrstuhleffekt« im Bildungs- und Einkommensbereich: Neue Entfaltungsmöglichkeiten, hervorgerufen durch steigende Löhne bei sinkenden Arbeitszeiten trafen mit den Verlockungen des Massenkonsums zusammen. Und das Fernsehen schien auf bequemere und langfristig günstigere Weise als Kino oder Theater eine Unterhaltungs- und Ablenkungsfunktion für alle Bevölkerungsschichten zu erfüllen: Ende 1960 wurden schon 3,4 Millionen angemeldete Fernseh- Teilnehmer registriert (1955: 0,08 Mio., 1965: 10 Mio.) und während im Bundesdurchschnitt 1957 ca. 7 Prozent aller Haushalte ein Gerät angemeldet hatten, waren es 1960 bereits  25 Prozent. Als Hauptgrund für die Anschaffung eines Fernsehgerätes gab in einer Umfrage für den Südwestrundfunk von 1955 eine Mehrheit von 61 Prozent Unterhaltungsgründe an, während nur 13 Prozent »Um am Zeitgeschehen teilhaben zu wollen« als vordringlichen Beweggrund nannten.

Schon Ende der 50er Jahre war der Fernseher kein Privileg der höheren Einkommensschichten mehr: Einer Repräsentativerhebung zufolge existierte 1958 nahezu die gleiche Fernsehdichte in den Haushalten von Facharbeitern, Angestellten und Beamten, bei Mietern und Vermietern und bei den Einkommensgruppen von 400 bis 500 und 500 bis 600 DM im Monat (Schildt 1999: 641). Ein Grund hierfür waren die stetig fallenden Anschaffungskosten: Während 1953 noch vermutet wurde, dass ein Fernseher wohl kaum einmal unter 1000 DM kosten würde, bot der Neckermann-Versandhandel schon im Herbst 1954 ein Gerät für 648 DM an. Bis 1959 sorgten Phono-Discounthäuser und der Versandhandel für einen weiteren Preisverfall, wobei auch die 500 DM-Grenze fiel.

Je mehr das Fernsehen zu einem Medium der Massen wurde, desto deutlicher profilierte es sich auch als ein Medium zur Unterhaltung: Bei ca. 6 Stunden täglichem Programm nahmen dominierten 1959 und 1960 Unterhaltungs- und Sportsendungen, Fernsehspiele sowie Spielfilme, während Nachrichten, Dokumentationen und Informationssendungen zusammengenommen nur knapp ein Fünftel des Programms füllten (Statistisches Jahrbuch 1960/61). Tagesverlaufskurven des Allensbacherinstituts zeigten deutlich erhöhte Quoten für die abendlichen Unterhaltungssendungen von 20.15- 21.45 Uhr an (z.B. »Wer gegen wen« mit Hans-Joachim Kulenkampff). Ebenfalls zu beobachten war anhand dieser Verlaufskurven die beinahe vollständige Substitution des Radiohörens in den Abendstunden durch die Betrachtung des Fernsehprogramms.

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Institut für Demoskopie Allensbach (IfD), 1955: Die Fernsehteilnehmer. Ergebnisse einer Leitstudie im Gebühreneinzugsgebiet des SWR. Allensbach 1955.

Institut für Demoskopie Allensbach (IfD), 1955: Das Fernsehen 1955. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. In: 52 Bundesarchiv Koblenz, Zeitgeschichtliche Sammlung 132, 551. Mehrfachnennungen waren möglich.

Schildt, Axel, 1999: Massenmedien im Umbruch der fünfziger Jahre. In: Wilke, Jürgen (Hg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bonn, S. 634–648.

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2 Kommentare zu “Medien in den 1950er Jahren – Teil II: Der Beginn des Fernsehzeitalters”

  1. Andreas says:

    Was mich ja brennend interessiert, ist die finanzielle Seite des Fernsehens in den 1950er Jahren. Im 21. Jahrhundert verdienen Jauch und Gottschalk genug, um sich Schlösser und ganze Straßenzüge an Mietshäusern zu kaufen. Die haben ausgesorgt, müssen nie wieder arbeiten. Und ihre Kinder und Enkel auch nicht. Zwangsweise erhobene Rundfunkgebühren machen es möglich!

    Was hatte damals ein Kulenkampff oder Rosenthal verdient?

  2. Eine überaus interessante Frage; werde ich vor Weihnachten keine Antwort mehr drauf finden – aber eine spannende Recherche-Aufgabe für 2014.

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