Luhmann: Struktur und Prozess

27. Oktober 2012

In aller Regelmäßigkeit wird der Theorie sozialer Systeme eine inhärente Statik unterstellt, welche die Beobachtung von Wandlungsprozessen erschwert. Um diesen Vorwurf zu widerlegen, ließe sich nun beispielsweise auf Luhmanns umfangreiche evolutionstheoretische Überlegungen oder auf seine situative Fassung von ›Sinn‹ verweisen. Ein solcher Hinweis hilft mithin kaum weiter, solange sich der jeweilige Ansprechpartner nicht ohnehin schon in Luhmanns Gedankenbau auskennt.

In einer posthum von Dirk Baecker herausgegebenen Transkription einer luhmannschen Vorlesung aus dem Wintersemester 1991/1992 freilich finden sich im Schlusskapitel einige Passagen dazu (S. 315ff.), die allgemein anschlussfähiger erscheinen als üblich:

… zu sozialer Ordnung 

 »Einer handelt zuerst und setzt damit ein Datum, das den anderen […] vor die Alternative bringt, Ja oder Nein zu sagen, anzunehmen oder abzulehnen. Er kann nicht etwas Beliebiges tun, einer inneren Laune nachgeben, sondern muss sich danach richten, wie die Situation bereits angefangen hat.

[…] Wenn das richtig ist, würde man als Prämisse oder als Antwort auf die Frage, wie soziale Ordnung möglich ist, eine Zeitlichkeit, eine zeitliche Struktur an die Stelle des Wertkonsenses setzen. Soziale Ordnung kommt zustande, wenn jemand eine Vorgabe macht, eine Aktivität lanciert, einen Vorschlag macht oder sich repräsentiert und die anderen damit unter einen Reaktionszwang setzt.«

… zum Strukturbegriff 

»Wenn Sie einen Moment überlegen, an was Sie gedacht haben, als ich gesagt habe, ›der Strukturbegriff‹, wird Ihnen vermutlich ein Mindestbegriff der Dauerhaftigkeit und der Beständigkeit vor Augen gestanden haben. Das hängt auch mit der Tradition zusammen, die gewohnt ist, Systeme oder sonstige Verhältnisse mit dem Relationsbegriff zu bezeichnen. Es gibt Elemente, und es gibt Relationen, und die Relationen sind in gewisser Weise zeitkonstant. Sie können sich natürlich ändern, aber von einer Relation spricht man nur, wenn es sich nicht um ein Einmalereignis handelt, sondern um eine typische Verbindung von A und B. […]

Strukturen sind auch Erkenntnisbedingungen, wer immer nun der Erkennende ist, ob eine Wissenschaft oder Teilnehmer an sozialen Beziehungen, an sozialen Netzwerken, sozialen Gruppen, sozialen Systemen und so weiter. Man muss erkennen können, um was es sich handelt, man muss Typen identifizieren können, man muss wissen können, wo man ist, in einer Universität, in einer Kneipe, in einer Straßenbahn oder wo immer. Wenn alles miteinander verbunden werden könnte, wenn diese Strukturmuster nicht bestimmte Versprechungen enthielten in Bezug auf Erkenntnis und Orientierung, hätte man es nach dieser Auffassung nicht mit funktionierenden Strukturen zu tun.«

… zur Unterscheidung Struktur | Prozess

»Parsons sagt, man müsse zwei verschiedene Unterscheidungen unterscheiden, zum einen die Unterscheidung von Struktur und Prozess: Systeme haben Struktur, und Systeme haben Prozesse, und das impliziert, dass man zwischen den Strukturen von Prozessen und den Prozessen von Strukturen unterscheiden kann. In sehr langfristigen Perspektiven könne man eine Strukturänderung wie einen Prozess sehen, etwa als einen Evolutionsprozess.

[…] Davon zu unterscheiden ist zum anderen die Unterscheidung von Stabilität und Wandel – oder das Problem der Änderung […]. Man kann überlegen und erforschen, ob und wie lange Strukturen unverändert benutzt werden, und man kann andererseits den strukturellen Wandel, die Änderung von Strukturen untersuchen, und dann kann es auch um eine relativ kurzfristige Veränderung gehen, wenn wir etwa an die Dynamik in der Computerentwicklung, in internationalen Finanzinstrumenten denken oder in den thematischen Strukturen der öffentlichen Meinung denken.«

… zur Realität der Struktur

»Sie erinnern sich daran, dass Systeme danach immer aus Operationen bestehen und so lange bestehen, wie sie neue Operationen aktualisieren können. Systeme bestehen immer nur in der Gegenwart ihres momentanen realen Operierens, also nur dann, wenn kommuniziert wird oder, im Fall eines psychischen Systems, nur dann, wenn Aufmerksamkeit aktiviert wird. Für unser Thema heißt das, dass auch Strukturen nur real sind, wenn sie benutzt werden.

[…] Die Realität der Struktur ist dann nicht eine Langzeitigkeit als Existenzmodus, sondern die Realität der Struktur liegt in ihrem Zitiertwerden, in ihrem Benutztwerden. Nur dann, wenn Strukturen benutzt werden, gibt es sie. Das hat zunächst einmal die Konsequenz, dass man die Systemtheorie aus der Aufteilung auf Strukturen und Prozesse herausnimmt. Es gibt nicht Strukturen und Prozesse, sondern Systeme werden durch den Typus der Operation, mit dem sie sich realisieren, gebildet. Was dann an Struktur anfällt, nötig, erinnert, wieder verwendet oder nicht verwendet wird, richtet sich nach dem Aufrufen und Abrufen von Operationen in dem betreffenden System.«

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