Splitter: Das Ende der Anonymität

26. November 2013

In den Blättern für deutsche und internationale Politik ist vor einigen Wochen im Kontext des Bandes »Daten, Drohnen, Disziplinen« ein Gespräch zwischen dem polnisch-britischen Soziologen Zygmunt Bauman und dem kanadischen Soziologen David Lyon erschienen, in dem es u.a. um das Ende der Anonymität, das Verhältnis zwischen Öffentlichkeit und Privatheit sowie um die Rolle des Konsumenten in der Internetgesellschaft geht. Der Grundton ist – gelinde gesagt – pessimistisch:

Zygmunt Bauman: »[…] Einerseits nähert sich die alte panoptische Strategie (›Nie sollst du wissen, wann wir dich beobachten, damit du dich nie unbeobachtet fühlen kannst‹) langsam, aber offenbar unaufhaltsam ihrer nahezu universellen Anwendung. Da aber der Alptraum des Panoptikums – du bist nie allein – heute als hoffnungsvolle Botschaft wiederkehrt – ›Du musst nie wieder allein […] sein‹ –, wird andererseits die alte Angst vor Entdeckung von der Freude darüber abgelöst, dass immer jemand da ist, der einen wahrnimmt. […] Mir scheint, dass der phänomenale Erfolg der ›sozialen Netzwerke‹ in jüngster Zeit ein gutes Beispiel für diesen Trend ist.

[…] ›Konsumieren‹ bedeutet heutzutage nicht mehr, sich Genussmittel verschaffen, sondern in gesellschaftliche Zugehörigkeit investieren – was in einer Konsumentengesellschaft bedeuten muss: in die eigene ›Verkäuflichkeit‹. […] Das Versprechen, Attraktivität und folglich Marktpreis des Käufers zu erhöhen, steht in mehr oder weniger großen Buchstaben in, zumindest aber zwischen den Zeilen der Produktbeschreibung.

[…] Die Angst davor, sich nicht anpassen zu können, ist von der Angst abgelöst worden, nicht genügen zu können, die allerdings um keinen Deut weniger quälend ist. Die Märkte sind nach Kräften bemüht, aus ihr Kapital zu schlagen, und auf den Endverbrauchermarkt abzielende Firmen konkurrieren darum, als diejenige zu gelten, die ihren Kunden bei der endlosen Aufgabe der ›Wertsteigerung‹ der zuverlässigste Führer und Helfer ist. […] Doch die Produkte, die sie als Ausdruck individueller Entscheidungen anpreisen, sind in Wahrheit natürlich vorgefertigte Entscheidungen. […] Hat Facebook seinen irrsinnigen Erfolg vielleicht also vor allem der Tatsache zu verdanken, dass es als Markt fungiert, auf dem diese bittere Notwendigkeit täglich einer enthusiasmierenden Auswahl scheinbarer Alternativen begegnet?«

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