Niklas Luhmann über Sport

22. Juni 2015

Nachdem an dieser Stelle vor gut einem Jahr auf Hartmut Essers lesenswerte Persiflage »Der Doppelpaß als soziales System« hingewiesen worden ist, folgt nun eine kleine Sammlung an Aussagen zu Sport und Spiel von Niklas Luhmann selbst:

»Der Hochleistungssportler unterstellt sich dem Code Gewinnen/Verlieren und erlebt erfreut oder bestürzt, daß sein Körper ihn auf die eine oder die andere Seite dieser Differenz trägt. Als psychisches System muß er dann die Einheit dieser Differenz, also ihre Form, akzeptieren – oder rejizieren und das Terrain verlassen.« (Soziologische Aufklärung 6, 1995, S. 152)

»Körperaktivismus symbolisiert Jugend — im Sexualverhalten wie im Sport. Es geht um Leistung und um Leistungsverbesserung, aber nicht um Leistungen, die man schuldig ist sondern um solche, die man freiwillig erbringt.« (Liebe als Passion, 1994, S. 204)

»Am Sport fällt zunächst die extreme Reduktion weiterreichender Sinnbezüge auf, die dann als Grundlage dient für ein komplexes Arrangement von Leistungsbewertungen, Leistungsmessungen, Notierungen, Vergleichen, Fortschritten und Rückschritten. Eine Zulieferungsindustrie, ein mitlebendes Zuschauerinteresse usw. schließen an.

Damit ist nicht nur (einmal mehr) belegt, daß Reduktionen den Aufbau von Komplexität ermöglichen, die dann durch die Reduktionen nicht mehr kontrolliert werden kann. Vielmehr scheint sich der Körper geradezu als Fluchtpunkt der Sinnlosigkeit zu eignen, wenn er nicht in der puren Faktizität beharrt, sondern unter dem Gesichtspunkt von Sport zum Ausgangspunkt einer eigenen Sinnsphäre dient.

Der Sport braucht und verträgt keine Ideologie (was aber keineswegs ausschließt, ihn politisch zu mißbrauchen). Er präsentiert den nirgendwo sonst mehr so recht in Anspruch genommenen Körper. Er legitimiert das Verhalten zum eigenen Körper durch den Sinn des Körpers selbst – zwar nicht askesefrei, aber im Grunde doch als genaues Gegenstück zur Askese, nämlich nicht negativ, sondern positiv. Und er tut dies, ohne sich an Sinndomänen anderer Provenienz anhängen zu müssen. Gewiß: Sport gilt als gesund; aber auch dieser Sinnbezug verweist wieder nur auf den Körper selbst.« (Soziale Systeme, 1984, S. 336f.)

»Auch ein Spiel ist eine Art von Realitätsverdoppelung, bei der die als Spiel begriffene Realität aus der normalen Realität ausgegliedert wird […]. Es wird eine bestimmten Bedingungen gehorchende zweite Realität geschaffen, von der aus gesehen die übliche Weise der Lebensführung dann als die reale Realität erscheint. Für die Konstitution eines Spiels ist eine von vornherein absehbare zeitliche Begrenzung erforderlich. Spiele sind Episoden. […] Man ist nur zeitweise damit beschäftigt, ohne andere Chancen aufzugeben oder andere Belastungen damit abwerfen zu können. […] Das Spiel enthält in jeder seiner Operationen immer auch Verweisungen auf die gleichzeitig existierende reale Realität. Es markiert sich selbst in jedem Zuge als Spiel; und es kann in jedem Moment zusammenbrechen, wenn es plötzlich ernst wird.« (Realität der Massenmedien 1996, S. 97f.)

»Wenn Verfilmung und Fernsehen hinzukommen, brauchen diese Schwerpunkte […] nicht geändert zu werden; aber sie werden im Bild drastischer, komplexer und zugleich eindrücklicher vorführbar; und sie werden auf spezifische Weise ergänzt – zum Beispiel durch Visibilisierung von Zeit als Tempo oder durch Vorführung von Grenzsituationen der Körperbeherrschung […]. Deshalb dienen auch Sportsendungen im Fernsehen […] primär der Unterhaltung, weil sie die Spannung auf der Grenze von kontrollierter und nichtkontrollierter Körperlichkeit stabilisieren. Diese Erfahrung macht im Rückblick deutlich, wie schwer, ja unmöglich, es wäre, den Verlauf sportlicher Ereignisse – von Pferderennen bis zum Tennisspiel – zu erzählen. Man muß hingehen oder es sich im Fernsehen anschauen.« (Realität der Massenmedien 1996, S. 110f.)

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