Grenzen der Quantifizierung in der Datengesellschaft

22. März 2018

Zusammen mit Michael Eggert (RWTH Aachen) organisiere ich auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Ad-Hoc-Gruppe »Grenzen der Quantifizierung in der Datengesellschaft«. Aus dem Call for Papers:

Mit der zunehmenden informationstechnischen Durchdringung der Gesellschaft geht eine Fokussierung auf eindeutig benennbare Kennziffern und Indizes einher. Sowohl individuelle als auch kollektive Entscheidungsprozesse gründen immer häufiger auf digital erhobenen und algorithmisch evaluierten Daten – von der Organisation des Alltagslebens, über Personalentscheidungen bis hin zu politischen Steuerungsbemühungen.

[…] Obgleich aber die entsprechenden Auswertungstechnologien stetig elaborierter werden, stößt der Prozess des exakten Erfassens gesellschaftlicher Wirklichkeit – wie es Renate Mayntz formuliert – »an praktische und kognitive Grenzen«: Zum einen geht mit jeder Übertragung physischer und sozialer Realitäten in numerische und damit diskrete Darstellungen schon prozessbedingt ein Informationsverlust einher […]. Zum anderen bestimmen das Vorwissen und die Beobachtungsperspektive auf essentielle Weise mit, was in Auswertungen sichtbar wird und was unsichtbar bleibt – ebenso wie jegliche Daten ihre gesellschaftliche Relevanz erst durch kontextbezogene Interpretation erhalten.

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»Information almost wants to be free« (Stewart Brand 1984)

1. März 2018

Stewart Brand, seines Zeichens vermittelndes Bindeglied zwischen Hippie- und Cyberkultur, ließ 1984 auf der ersten Hacker-Konferenz in Sausalito (Kalifornien) der allgemeinen Erzählung nach einen folgenschweren Satz fallen, der die Computer- und Internetszene nachhaltig prägen sollte:

»[…] information […] wants to be free […]«.

Zumeist wird diese Passage ohne Auslassungszeichen zitiert, wodurch sie dem Gesamtzusammenhang von Brands originärer Aussage enthoben wird. Sein damaliger Diskussionsbeitrag wird vielerorts (vgl. z.B. Edge, Clarke) wie folgt wiedergegeben:

»On the one hand information wants to be expensive, because it’s so valuable. The right information in the right place just changes your life. On the other hand, information wants to be free, because the cost of getting it out is getting lower and lower all the time. So you have these two fighting against each other.«

Auch diese – von Brand später selbst so quittierte – Wiedergabe seiner Aussage bleibt allerdings unscharf, wie sich anhand eines Videomitschnitts der Veranstaltung nachvollziehen lässt, dessen Vorschau sich auf Getty Images abrufen lässt (ab Sekunde 38). Tatsächlich sagte Brand:
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»Designing Reality«: The Logic of Digital Utopianism (2)

18. Februar 2018

Der Physiker und Informatiker Neil Gershenfeld glaubt an die ›dritte digitale Revolution‹ durch 3D-Drucker, weitere Technologien zur dezentralen Herstellung materieller Güter und FabLabs als Orte einer kollaborativen und hochvernetzten digitalen Ökonomie neuen Typs – nicht erst seit der Publikation des Buches »Designing Reality: How to Survive and Thrive in the Third Digital Revolution«, das er jüngst zusammen mit seinen Brüdern veröffentlicht hat, sondern schon seit Mitte der 2000er-Jahre. Seine Argumentation in kompakter Form (Video):

Mit Gershenfelds Kernthesen zur ›dritten digitalen Revolution‹, der dahinter liegenden visionären Logik und den sozialen Funktionen von solchen utopischen Ausführungen haben sich Sascha Dickel und ich bereits in dem Artikel »The Logic of Digital Utopianism« auseinandergesetzt, der sich seit Anfang des Jahres auf SpringerLink kostenfrei abrufen lässt (leider nicht mehr):

»[…] albeit current transformations are characterized less by substitution and resolution than by differentiation and complementarity, the widely acclaimed books and articles on the ›new media‹ of an era (e.g., the early World Wide Web, the so-called ›Web 2.0‹, or presently 3D printing)— literally never focus on incremental or gradual change, but promise fundamental media revolutions that supposedly will shake the very foundations of society. The fact that prior expectations, in their radicalism, were not empirically fulfilled scarcely matters to the prevailing revolutionary rhetoric of the day.

[…] In this respect, the utopias associated with new media technologies can be recast as typical forms of utopian communication. These visions are not primarily technological roadmaps awaiting realization, but rather an expression of a form of public communication that perpetuates the fundamental semantic structures of modern utopianism regarding new media technologies. Furthermore, the universal compatibility of media utopias derives from comprehensive patterns of complexity reduction that parallel the general selection criteria of the mass media […]. The fundamental semantic structures of media utopias combined with these simplification patterns increase their compatibility with many already existing discourses in various socioeconomic and sociocultural fields. […]«

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Querverweis: China & digitaler Kapitalismus

8. Februar 2018

Philipp Staab und Florian Butollo beschäftigen in einer kompakten WISO direkt-Analyse mit der zunehmenden Relevanz chinesischer Technologieunternehmen im sogenannten ›digitalen Kapitalismus‹:

»Jenseits der fortschreitenden, in ihrem Kern digital gestützten, Integration des Binnenmarktes stellt sich in diesem Zusammenhang vor allem die Frage der transnationalen Expansion der BAT-Unternehmen [Baidu, Alibaba, Tencent]. Vor allem Alibaba und Tencent übernehmen für den chinesischen Binnenmarkt wichtige Infrastrukturaufgaben und bilden entscheidende Knotenpunkte eines digitalisierten Modells des Binnenkonsums. Doch liegt im Bereich der globalen Integration chinesischer Unternehmen im Rahmen eines exportgetriebenen Wachstumsmodells ein zweiter bedeutender Aspekt chinesischer Wirtschaftspolitik.

[…] Gleichzeitig ist zu beobachten, wie sich Teile des BAT-Komplexes selbst transnationalisieren. Alle drei  Unternehmen sind nicht nur an der New Yorker Börse gelistet, sondern vor allem Alibaba und Tencent sind gerade im Begriff, jenseits ihres Heimatmarktes zu expandieren. Insbesondere die verbliebenen ›neutralen‹ Märkte sind dabei das Ziel der Expansionsbestrebungen – vor allem in Ländern Südostasiens, die hinsichtlich des Entstehens relativ konsumstarker neuer Mittelschichten Ähnlichkeiten mit China aufweisen.«


Niklas Luhmann in Bild und Ton

26. Januar 2018

Nachfolgend meine Top-3 der auf YouTube verfügbaren Bewegtbilddokumente von und mit Niklas Luhmann:

Niklas Luhmann über (sein 1994 erschienenes Buch) »Liebe als Passion«. In besserer Qualität auch hier: http://www.dctp.tv/filme/der-liebesbeweis-niklas-luhmann/
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Querverweis: Wikimedia – Closing for the Benefit of Openness?

12. Januar 2018

In den Organization Studies ist jüngst der kostenfrei abrufbare Artikel »Closing for the Benefit of Openness? The case of Wikimedia’s open strategy process« von Laura Dobusch, Leonhard Dobusch und Gordon Müller-Seitz erschienen, der sich mit dem Verhältnis von Offenheit und Geschlossenheit in Open-Content-Communities auseinandersetzt. Der Text kommt zu dem Schluss, dass eine offen-partizipative Erarbeitung von Inhalten mit Schließungsprozessen in der Strategieentwicklung einhergeht (vgl. dazu: »Open-source Projects as Incubators of Innovation«):

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Kurz notiert: »Societal Implications of Big Data«

21. Dezember 2017

Der im Kontext des Arbeitskreises Soziologie des ABIDA-Projekts entstandene Überblicksartikel »Societal Implications of Big Data« lässt sich nun auf den Seiten der Zeitschrift KI – Künstliche Intelligenz (Springerlink) abrufen.

Modern societies have developed a variety of technologies and techniques to identify, measure and influence people and objects. […] Since 2015, a group of German social scientists has conducted the research project ›Assessing Big Data‹ (ABIDA) with the objective to analyze the societal implications of Big Data—particularly elaborating the question, in what way and to what extent modern technologies of data analysis entail novel societal benefits and risks that differ from previous socio-technical configurations. This paper sets out to discuss a couple of theses concerning this question.

Social scienceEngineering / Data science
GoalsSearch for explanation why something happens; develop theorySearch for accurate prediction of what happens; create algorithm
FocusExplanationPractical relevance
BeliefsData are biasedData have ground truth cases

After a short retrospective of digital data analysis, we lay out various applications of data analytics in the light of distinct research cultures between data science and social science. Subsequently, we elaborate how self-tracking and real-time control of complex systems on the basis of data analytics create new individual and collective practices that shape modern societies. As these practices bear many risks for individual rights and collective achievements, we finally shed light on various propositions for the regulation of Big Data. Our argument is that Big Data, real-time analysis and feedback loops increasingly foster a society of (self-)control. But at the same time, these technologies are highly contentious and set the stage for conflict—be it between academic disciplines or different political worldviews.


Kurz notiert: »Neue Irritationspotentiale in der digitalen Gesellschaft«

12. Dezember 2017

In dieser Woche ist der von mir und Marc Mölders zusammen verfasste Artikel »Neue Irritationspotentiale in der ›digitalen Gesellschaft‹« in der Zeitschrift für Rechtssoziologie 37(2) erschienen (De Gruyter | Preprint).

Die ›digitale Gesellschaft‹ verspricht erweiterte Spielräume in der Bearbeitung der Folgen funktionaler Differenzierung für eine Varietät zivilgesellschaftlicher Gegenmächte. Vor diesem Hintergrund nimmt unser Aufsatz die Synchronisationsprozesse zwischen Medien, Politik und Recht in den Blick und diskutiert neue Irritationspotentiale gegenüber autonom operierenden Systemen. Wir beginnen mit einem Rekurs auf die rechtssoziologische Theorie reflexiver Steuerung und stellen danach zentrale Thesen zur Beschleunigung der Korrektur(bedürftigkeit) der Gesellschaft durch Digitalisierung und Internet vor. Daran anknüpfend explizieren wir entlang empirischer Fallskizzen die These, dass eine Effektivierung der Kommunikation alleine noch nicht zu einer erhöhten Annahmewahrscheinlichkeit für die jeweiligen Korrekturanfragen durch das adressierte System führt, sondern dass das Finden und Herstellen anschlussgünstiger Formen nach wie vor ein organisational aufwändiger Prozess ist, der nicht technisch überbrückt werden kann und das Recht in einer zwar veränderten, aber wesentlichen Rolle sieht. Abschließend ordnen wir unsere Überlegungen in eine evolutionäre Perspektive ein.