1. Juli 2026
Der seit 2012 erhobene Reuters Institute Digital News Report 2026 ist erschienen. Er bietet einen umfassenden Überblick zur weltweiten Rezeption von Nachrichten und Nutzung aktueller Informationsquellen. In Deutschland fand die Erhebung zwischen dem und dem 22. Januar 2026 statt; die Stichprobe ist für Onliner ab 18 Jahren repräsentativ. Hier die wichtigsten Links dazu:
Einige Kernergebnisse für Deutschland:
- 67 Prozent der Befragten nutzen min. einmal pro Woche Nachrichten im Internet; 36 Prozent kommen dort min. wöchentlich mit Nachrichten in Kontakt.
- 60 Prozent der 18- bis 24-Jährigen rezipieren Nachrichten auf Social-Media-Plattformen; für 44 Prozent sind News über Social Media die wichtigste Quelle; für 17 Prozent sind sie »die einzige Quelle für Nachrichten«.
- 90 Prozent der Befragten kommen mehrmals pro Woche mit Nachrichten im TV, Radio, in der Zeitung oder im Netz in Berührung.
- Eine wichtige Rolle hinsichtlich der Zugangswege spielen große Medien- und Nachrichtenmarken: »35 Prozent gehen regelmäßig direkt auf die Website oder App eines Nachrichtenangebots. Zusammen mit dem Zugriff auf eine bestimmte Nachrichtenmarke über Suchmaschinen verwenden 50 Prozent regelmäßig einen gezielten Zugang zu Nachrichtenmarken.«
- Nur rund fünf Prozent der Befragten gaben an, »in der vergangenen Woche« einen KI-Chatbot genutzt zu haben, um sich im Nachrichtenbereich zu informieren. Bei den 18-bis 24-Jährigen waren es 8 Prozent.
- 11 Prozent der Befragten insgesamt haben nach eigener Aussage im letzten Jahr für Online-Nachrichten bezahlt oder ein kostenpflichtiges Online-Angebot genutzt. Bei den 25- bis 34-Jährigen lag dieser Anteil bei 22 Prozent (2015: 15 Prozent).
1. Juli 2026
Das Thema Open-Source-Software bietet nach wie vor viele Untersuchungspotenziale für die sozialwissenschaftliche Forschung (meine Arbeiten dazu: Schrape 2015, 2016, 2016b, 2018, 2019, 2024, 2025), auch weil das Verhältnis von etablierten IT-Unternehmen und Open-Source-Projekten häufig mißverständlich dargestellt wird.
Tatsächlich sind die proprietäre und quelloffene Softwarentwicklung bereits seit Jahrzehnten eng ineinander verwoben – und inzwischen sind alle führenden IT-Unternehmen aktiv in die Entwicklung von Open-Source-Software (OSS) involviert. Apples Betriebssystem-Pakete macOS, iOS, tvOS und watchOS beispielsweise basieren im Kern auf dem Unix-ähnlichen Open-Source-Betriebssystem Darwin und enthalten Hunderte weiterer OSS-Komponenten (u.a. WebKit und XQuartz).
Ein anderes Beispiel ist Microsoft: Das Unternehmen, das OSS 2001 als „intellectual property destroyer“ bezeichnet hatte, gründete 2012 seine Tochtergesellschaft MS Open Technologies und begann, sich in verschiedenen OSS-Stiftungen zu engagieren. Seitdem hat das Unternehmen Teile des .NET Frameworks, Software-Entwicklungskits für seinen Cloud-Computing-Dienst Azure sowie zahlreiche weitere Komponenten unter OSS-Lizenzen veröffentlicht. Seit 2017 gilt Microsoft neben Google/Alphabet als weltweit führende korporative OSS-Beiträger; 2018 übernahm Microsoft GitHub (siehe Schrape 2026, S. 131f.):
»Ein anschauliches Beispiel für das Ineinandergreifen offener und proprietärer Innovationsdynamiken ist die Plattform GitHub, die nach ihrer Gründung 2008 binnen weniger Jahre zum zentralen Drehund Angelpunkt der globalen Open-Source-Softwareentwicklung geworden ist […]: Sie hat mit ihren standardisierten Repositorien, Schnittstellen und Tools einerseits die Ablaufeffektivität und die Austauschmöglichkeiten in und zwischen Open-Source-Projekten erheblich verbessert, andererseits aber auch zu einer Kanalisierung der individuellen und kollektiven Handlungsspielräume sowie zu einer zunehmenden Marktorientierung der Entwicklungsvorhaben beigetragen. Ferner hat GitHub zwischen 2012 und 2015 mehr als 300 Mio. US-Dollar an Wagniskapital eingeworben und wurde 2018 von dem Unternehmen Microsoft akquiriert, das inzwischen mehrere proprietäre Dienste in die Plattform integriert hat, so ab 2023 das KI-Tool GitHub Copilot. Dadurch sind die kommerzielle Softwareindustrie und kollaborative Open-Source-Communities auch infrastrukturell näher zusammengerückt.«
Mehr noch: Gerade im Bereich der kritischen Infrastrukturen des Internets nimmt OSS bereits seit den 1990er-Jahren eine fundamentale Rolle ein. Viele dieser OSS-Projekte wiesen lange Zeit freilich nur ein geringes Maß an organisatorischer Struktur auf und wurden in erster Linie von technischen Erfordernissen bestimmt.
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6. Juni 2026
Das 2021 gegründete und im Mai 2026 mit 965 Milliarden US-Dollar bewertete KI-Unternehmen Anthropic (Claude) will an die Börse – und hat fast zeitgleich mit dieser Ankündigung einen Blog-Post veröffentlicht, der ein breites Medienecho hervorgerufen hat (z.B. Die ZEIT: »Anthropic fordert Pause bei Entwicklung von künstlicher Intelligenz«; tagesschau.de: »Anthropic fordert Pause bei KI-Entwicklung«).
In solchen und ähnlichen Fällen macht es Sinn, das Objekt der Berichterstattung im Original zu konsultieren – denn der Text »When AI builds itself: Our progress toward recursive self-improvement and its implications« liest sich doch deutlich differenzierter als es entlang der medialen Pointierung erscheint (und erweist sich in einigen Passagen schlicht als gut gemachtes Marketing-Material). Im letzten Drittel des Textes spannen die Autor:innen unter der Zwischenüberschrift »Possible Futures« drei Szenarien auf:
- »The trend stalls, but today’s AI capabilities are widely diffused. […]«
- »AI labs continue to see compounding efficiency gains. […]«
- »AI systems themselves become capable of full recursive self-improvement, and begin building their successors. If technical trends in advancing capabilities continue, and AI systems are able to develop the capabilities inherent to transformative human ingenuity, then it is plausible that AI systems could design and refine themselves. […]«
Primär für das dritte, auch im Anthropic-Text durchaus als voraussetzungsreich markierte Szenario diskutieren die Autor:innen schließlich geeignete gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten und heben dabei die Rolle des eigenen Unternehmens hervor:
»We believe it would be good for the world to have the option to slow or temporarily pause frontier AI development to enable societal structures and alignment research to keep up with the advance of the technology. The Anthropic Institute will conduct research—in collaboration with many others—and take actions to help build the systems that a credible slowdown or pause would require.
[…] A meaningful slowdown or pause would require multiple well-resourced labs at or near the frontier, in multiple countries, agreeing to stop under the same conditions. It would also require that each can verify that the others have actually stopped. […] None of this is necessarily impossible in principle—the world has built verification regimes for other complex technologies (e.g., the Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty)—but those regimes took decades to build both the infrastructure and the trust. We don’t have that long. A unilateral pause by one lab, by contrast, is achievable immediately, but accomplishes much less: it would change who the front-runner is, but it would not create the wider deliberative process that is currently missing.
In the coming months, we will organize conversations where policymakers, researchers, civil society, and other AI companies can help answer some of the questions this piece raises, especially around full recursive self-improvement and how to create better options for coordination and deliberation. We’ll publish what comes out of it. The window to investigate the questions together is here, and people outside AI companies should be involved in this deliberation.«
19. Mai 2026
Anlässlich der 2. Auflage des Bandes »Digitale Transformation« habe ich einen kleinen Beitrag für das [transcipt] Blog verfasst. Einige Ausschnitte daraus:
[…] Wer die KI‑Debatten der letzten Jahre verfolgt, erkennt einen vertrauten Rhythmus: ein technischer Durchbruch, ein rapider Diffusionsschub, euphorische Versprechen, dystopische Kassandrarufe – und dazwischen die Suche nach gesellschaftspolitischer Einhegung und alltagspraktischer Orientierung. Eine Langfristperspektive auf die digitale Transformation zeigt, dass dieses Muster keineswegs neu ist: Computer sollten in den 1970er‑ und 1980er‑Jahren ganze Berufsbilder vernichten und zugleich die Wissensarbeit revolutionieren. Das Internet und das Web 2.0 wurden als Ende der Massenmedien und Beginn einer demokratisierten ›Weisheit der Vielen‹ gefeiert – und später als Infrastrukturen einer neuen digitalen Allmacht kritisiert. ›Big Data‹ versprach Allwissenheit, weckte aber zugleich Überwachungsängste à la George Orwells »1984«.
Generative KI reiht sich in dieses Muster ein: Sie markiert zweifellos eine neue Stufe der Automatisierung kognitiver Routinen, wird in vielen Debatten allerdings so behandelt, als könne nunmehr die schiere Kraft der Technik alleine die Gesellschaft ›umstülpen‹. Eine Rekonstruktion der digitalen Transformation als Langfristprozess erinnert demgegenüber daran, dass soziotechnischer Wandel immer schon ein Zusammenspiel von technischer Innovation, soziokultureller Aneignung, institutioneller Einbettung und politischer Auseinandersetzung war – und bleibt.
[…] Weder bloßer Technikoptimismus noch reine Dystopie werden mithin dem laufenden soziotechnischen Umbruch gerecht, so medienwirksam entsprechende Thesen auch sein mögen. Die rapide gesellschaftsweite Diffusion generativer KI markiert fraglos eine neue Phase in der digitalen Transformation – vergleichbar mit der Etablierung des Internets in den 1990er-Jahren oder der Plattformisierung zahlreicher sozioökonomischer Austauschprozesse und Kommunikationsdynamiken seit Mitte der 2000er-Jahre. Schon diese Phasen soziotechnischen Wandels, ohne die der Aufstieg rezenter KI-Systeme sowohl in technischer und ökonomischer als auch alltagspraktischer Hinsicht kaum denkbar gewesen wäre, waren freilich von Ungleichzeitigkeiten, Uneindeutigkeiten und widersprüchlichen Effekten geprägt.
Insofern gilt es, technologische Innovationen weder zu verklären noch zu verteufeln, sondern sich des unauflösbaren Verschränkungszusammenhangs von Technik und Gesellschaft sowie den damit einhergehenden Ambivalenzen immer wieder neu bewusst zu werden – und konkrete Gestaltungspotenziale und -konflikte in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht ist das im Moment das Wichtigste: den laufenden soziotechnischen Wandel um ›Künstliche Intelligenz‹ ernst zu nehmen sowie gesellschaftliche Institutionen und demokratische Verfahren darauf einzustellen, ohne die Kraft der Technik per se zu überhöhen oder uns von diskursiven Technikzukünften in Panik versetzen zu lassen.
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18. Mai 2026
Der Studienband »Digitale Transformation« in der Reihe Einsichten: Themen der Soziologie ist nun in zweiter Auflage erschienen (weitere Informationen bei transcript und UTB). Aus der Einleitung:
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13. Mai 2026
In den Media Perspektiven findet sich eine bündige Zusammenschau der JIM-Studie 2025 mit Blick auf die KI-Nutzung von Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren in Deutschland (PDF):
- 50 Prozent der Befragten nutzten ChatGPT mehrmals die Woche oder täglich; im Falle von Google Gemini waren es 12 Prozent; im Falle von Meta AI 8 Prozent. Andere Angebote verzeichneten deutlich geringere Werte.
- Unter den KI-Nutzenden setzten ca. 75 Prozent entsprechende Angebote »für Hausaufgaben oder zum Lernen« ein (in Gymnasien: 79 Prozent), 70 Prozent, »um sich zu informieren«, und 47 Prozent »zum Spass«.
- 57 Prozent stimmen der Aussage »Den Infos von KI kann man vertrauen« zu; ein ähnlicher Anteil vermutet, dass KI »Menschen aus Berufen verdrängen« wird – aber auch, dass KI dabei hilft, »die Herausforderungen der Zeit zu bewältigen«.
Angesichts der raschen Veralltäglichung der bewussten oder unbewussten KI-Nutzung (etwa über Suchmaschinen oder Sprachassistenten) hebt der Überblick die »Bedeutung von Informations- und Nachrichtenkompetenz« hervor: »Jugendliche müssen KI erkennen, KI-basierte Antworten einordnen, Quellen prüfen und aufmerksam ein, ob KI nicht lieber ›halluziniert‹, als Wissenslücken preiszugeben. All diese Kompetenzen müssen sich auch Erwachsene erst aneignen. Diese Fähigkeiten zu vermitteln und entsprechende Angebote bereitzustellen, ist eine gemeinsame Verantwortung von Familie, Schule, Medienanbietern und Politik.«
21. April 2026
Eine auch für sich genommen sehr anregende und aufschlussreiche Rezension zu dem Buch »Digitalisierung«* von Dirk Baecker findet sich auf Soziopolis. Darin stellt Sybille Krämer zentrale theoretische Problemstellungen der rezenten sozialwissenschaftlichen Digitalisierungsforschung heraus und kann sich hierbei den ein oder anderen Seitenhieb auf den ›Bau‹ der Systemtheorie nicht verkneifen:
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