Betreff: Google, Android, Open Source

21. April 2016

Am 20. April 2016 hat die Europäische Kommission bekannt gegeben, sich verstärkt mit Googles mobilem Betriebssystem Android zu beschäftigen (siehe Factsheet).

»Die Kommission ist der vorläufigen Auffassung, dass Google eine Strategie für Mobilgeräte verfolgt, um seine beherrschende Stellung bei der allgemeinen Internetsuche zu wahren und auszubauen. Erstens wurde so erreicht, dass die Google-Suche auf den meisten in Europa verkauften Android-Geräten vorinstalliert und als Standardsuchdienst bzw. einziger Suchdienst festgelegt ist. Zweitens wird Konkurrenten auf dem Suchmaschinenmarkt auf diese Weise der Marktzugang über konkurrierende mobile Browser und Betriebssysteme versperrt. Außerdem würde den Verbrauchern durch diese Strategie geschadet, weil der Wettbewerb beschränkt und Innovationen bei Mobilgeräten gebremst werden.«

Google hat darauf sogleich mit einem Blogpost reagiert, der im Wesentlichen betont, dass Android im Kern ein Open-Source-Projekt sei:

»Our partner agreements are entirely voluntary—anyone can use Android without Google. […] Any manufacturer can then choose to load the suite of Google apps to their device and freely add other apps as well. […] We provide Android for free, and offset our costs through the revenue we generate on our Google apps and services we distribute via Android. And it’s simple and easy for users to personalize their devices and download apps on their own—including apps that directly compete with ours.«

Weite Teile des Android-Codes stehen in der Tat unter der quelloffenen Apache Licence 2.0 oder vergleichbaren Lizenzen – und insofern ist Android per definitionem ein Open-Source-Projekt. Dennoch lässt es sich keineswegs mit Vorhaben wie GNU, Apache oder dem Linux-Kernel vergleichen (siehe Tabelle). Dazu ein kleiner Auszug aus dem Buch »Open-Source-Projekte als Utopie, Methode und Innovationsstrategie« (Amazon):

Varieties of Open Source

Eine spezielle Variante korporativen Open-Source-Engagements stellt die Entwicklung des Linux-basierten Betriebssystems Android durch die Open Handset Alliance seit 2007 dar: Beworben als »open-source software stack […] to make sure there was no central point of failure, where one industry player could restrict or control the innovations of any other« (http://source.android.com) und in der Literatur oft in eine Linie mit dem Linux Kernel oder dem Apache HTTP Server gestellt, wird das Projekt de facto alleinig von Google gesteuert […]. Mit der Initiierung des Android-Projekts ging es Google (2015a) mit offenkundigem Erfolg vor allen Dingen darum, den nahtlosen Zugriff auf eigene Dienste und Plattformen wie Google Play auf möglichst vielen Geräten zu ermöglichen: Während Google 2007 knapp 99 Prozent seines Umsatzes (16,6 Mrd. US-Dollar) mit Werbung generierte, war der Verkauf digitaler Inhalte 2014 für rund 11 Prozent des Jahresumsatzes (66 Mrd. US-Dollar) verantwortlich. [S. 39f.]

[…] Android wurde ab 2003 als Betriebsumgebung für Mobile Devices durch ein gleichnamiges Start-up-Unternehmen entwickelt, das 2005 für ca. 50 Mio. US-Dollar von Google aufgekauft wurde […]. Die Entscheidung, Android als Open-Source-Vorhaben anzulegen, lässt sich zum einen darauf zurückführen, dass das System auf dem Linux Kernel und weiteren quelloffenen Komponenten fußt, die sich ohnehin nicht proprietarisieren lassen. Zum anderen flexibilisiert der Rückgriff auf freie Lizenzen die Zusammenarbeit zwischen den (inzwischen knapp 90) beteiligten Unternehmen, die nach der Präsentation von Apples iPhone Anfang 2007 erheblich an Beschleunigung erfahren musste. Dabei ging es Google von vornherein weniger darum, mit Android selbst Umsatz zu generieren, als den Zugriff auf seine Webdienste und Handelsplattformen zu erweitern, was sich auch in der soziotechnischen Verfasstheit des Projekts zeigt. Android-eigener Code steht unter permissiven Lizenzen, welche die Einbindung in kommerzielle Produkte erleichtern und Google gleichzeitig weitreichende Steuerungsmöglichkeiten einräumen, die sich im »Contributor Agreement« wie folgt widerspiegeln:

»You hereby grant to the Project Leads and to recipients of software distributed by the Project Leads a perpetual, worldwide, non-exclusive, no-charge, royalty-free, irrevocable copyright license to reproduce, prepare derivative works of, publicly display, publicly perform, sublicense, and distribute your contributions and such derivative works.« (Google 2015b)

Google ist als Projektleiter hingegen lediglich dazu verpflichtet, den Source-Code finalisierter Versionen zu publizieren, und kann so im Verbund mit weiteren Rahmensetzungen wie der »Compatibility Definition« (Google 2015c) die technischen Spezifikationen abstecken, denen die weitere Entwicklung und Produktumsetzung folgt. So kontrollieren die integrierten Programmierschnittstellen nicht nur den Zugriff auf spezifische Funktionen, sondern definieren darüber hinaus die technischen Eigenschaften von Android-Geräten mit und legen die Einbindung Google-eigener Services nahe. Dieses Top-down-Management wirkt einerseits einer Fragmentierung der Architekturen entgegen und erhöht die Erwartungssicherheit, was zu der raschen Verbreitung des mobilen Betriebssystems beigetragen hat. Andererseits wird Android durch diese zentralisierten Entscheidungsmuster aber zugleich zu dem bislang »most closed open source project« (Vision Mobile 2011). [S. 52f.]

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