Niklas Luhmann: Meister des Staunens

5. Dezember 2010

Am Dienstag, den 8. Dezember 2010, wäre Niklas Luhmann 83 Jahre alt geworden und bevor er 1998 verstarb, hat er mit seinem Buch »Die Gesellschaft der Gesellschaft« noch einmal eine Klammer geliefert, die all seine theoretischen Exkursionen zusammenhält. Seinen Beobachtungsbereich in den Kanon wissenschaftlicher Disziplinen einordnen zu wollen, grenzt indes an Unmöglichkeit: Gemessen an den Anwendungsarenen für seine Überlegungen war Luhmann nicht nur Soziologe und Philosoph, sondern zugleich mindestens auch Jurist, Ökonom, Medienwissenschaftler, Linguist und Theologe.

Mehr als alles andere aber war Luhmann ein hintersinniger Beobachter der Gesellschaft, der seine Beobachter wiederum mit gänzlich unkonventionellen Beobachtungsperspektiven zum Staunen brachte. Ein Meister des Staunens, der auch das augenscheinlich zunächst Selbstverständliche wie Liebe, Geld oder ein einfaches Gespräch unwahrscheinlich sowie erklärungsbedürftig erscheinen ließ und darüber hinaus zeigte, dass sich gerade die Sozialwissenschaften nicht hinter einem Malen nach statistischen Zahlen verstecken sollten. Er hat hinterfragt, wie die für uns häufig schon quasi-natürlich erscheinende soziale Ordnung überhaupt möglich wird, wenn jedem Bewusstsein prinzipiell eine ganz eigene Realitätssicht zugesprochen wird.

Luhmann

Luhmann als »Antihumanisten« oder als konservativen Soziologen einzuordnen, zielt vor diesem Hintergrund meilenweit an dem gewählten Beobachtungsauftrag vorbei: Seine Systemtheorie will weder bewahren noch verändern, sondern lediglich möglichst differenziert beobachten. Und indem sie den Menschen nicht in seinem Vollsinne einem Funktionssystem wie der Wirtschaft zuordnet, sondern ihn lediglich als kognitiven Sensor und kommunikativen En- und Dekodierer für ein solches Sinnsystem beschreibt, nimmt die Theorie sozialer Systeme das eigenständige menschliche Wesen ernster, als es Beobachtungsweisen tun, die für eine weniger dezidierte Differenzierung zwischen psychischen und sozialen Systemen einstehen.

Letztlich setzt Luhmann sein analytisches Seziermesser schlicht auf einer anderen Ebene als handlungs- oder akteurszentrierte Theorien an: Gesellschaft ist für Luhmann einzig Kommunikation und er interessiert sich daher ausschließlich für die Evolution emergenter kommunikativer Sinnsysteme, also letztlich für die Variations-, Selektions- und Stabilisierungsprozesse in der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion. Nichtsdestotrotz unterschätzt er aber den einzelnen Menschen mitnichten als Individuum, sondern behandelt ihn als einzigartiges Patchwork aus vielerlei Einflüssen. Alleine schon um Kategorienfehler zu vermeiden, sollte dieses Patchwork allerdings nicht im Fokus gesellschaftswissenschaftlicher Forschung stehen, denn soziale Phänomene lassen sich eben nicht einfach auf psychologische oder biologische Merkmale zurückführen, wie das etwa Opp/Hummel oder Wilson, Pinker und Fodor suggerieren.

Luhmann wollte klären, wie eine funktional differenzierte Gesellschaft trotz der Kontingenz aller Welterfahrungen möglich wird, und er liefert als (kontingente) Antworten (1) eine Beschreibung der gesellschaftsübergreifenden Sinnsysteme, die auf höchster Ebene kommunikativer Komplexität stehen und weder von einzelnen psychischen Systemen, noch Organisationen, Unternehmen oder Netzwerken überblickt werden können; (2) ein Modell der Evolution sozialer Systeme auf allen Ebenen kommunikativer Komplexität, das sich von der oft unhinterfragten Vorstellung gesellschaftlichen Fortschritts verabschiedet; und mit dem operativen Konstruktivismus (3) eine mit den vorangegangenen Überlegungen kompatible Erkenntnistheorie für psychische und kommunikative Sinnsysteme, die Anschluss an moderne kognitionswissenschaftliche Einsichten findet.

Was bleibt, ist eine neue Spielart des Staunens über gesellschaftliche Zusammenhänge, die zu erlernen nicht ganz einfach ist, aber in sich sehr viel mehr Konsistenz als einige theoretische Konkurrenzprodukte und ein weit höheres Erklärungspotential bietet als viele statistische Beschreibungen mit quasi-objektivem Duktus. Wer übrigens eine handliche Einführung in Luhmanns Denkweise auf gemütlichem Kaminfeuerniveau inklusive Fußballbezug sucht, dem seien die »Niklas Luhmann Short Cuts« ans Herz gelegt…

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