Long live the Quiet* – Schüchternheit in der Netzwerkgesellschaft (Literaturhinweis)

16. November 2013

Urs Stäheli hat im aktuellen Merkur einen Artikel mit dem Titel »Die Angst vor der Gemeinschaft – Figuren des Schüchternen« veröffentlicht, der sich mit der Problematisierung der Schüchternheit in der Netzwerkgesellschaft auseinandersetzt:

»Schüchternheit gilt nun nicht mehr nur als das Versagen oder Leiden eines Einzelnen, sondern sie wird zum Problem einer […] urbanisierten Gesellschaft; einer Gesellschaft, in der traditionelle Gemeinschaften erschüttert werden, gleichzeitig aber auch neue Formen des Gemeinschaftlichen entstehen. […] Die Figur des Schüchternen steht nun für jenen, der sich […] dem Imperativ zur Vernetzung zu entziehen sucht. Der Schüchterne weist durch sein Verhalten die Anforderung, ständig und mit jedem kommunizieren zu können, zurück.«

Stäheli fragt im Weiteren danach, wie es denn überhaupt zu dieser allgemeinen Problematisierung der Schüchternheit gekommen ist, und schlägt als Annäherung auf eine mögliche Antwort auf diese Frage vor, »die psychologischen und literarischen Diskurse über den Schüchternen als gesellschaftliche Reflexionsfiguren zu lesen«.

Dabei zeigt sich, dass Schüchternheit in traditionellen Gemeinschaften weniger ein Problem zu sein schien, da »die Gemeinschaftszugehörigkeit durch Tradition und Geschichte verbürgt war« und nicht erst dadurch, »dass man ›sociable‹ ist, erworben werden« musste. Stäheli hebt jedoch hervor, dass sich die klassische Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft bereits seit Beginn des 20. Jh. verwischt:

»Es findet eine ›Vergemeinschaftung‹ der Gesellschaft statt […]. Man denke zum Beispiel an den Erfolg der Teamsemantik, die ursprünglich aus dem Sport stammt […]. So wird 1928 erstmals von einem ›team spirit‹ in Organisationen gesprochen. Damit einher geht eine neue Anforderung an die Teamsubjekte: Obgleich sie sich nicht in ihrer vertrauten Gemeinschaft befinden, müssen sie Gemeinschaftsfähigkeit demonstrieren und praktizieren. […] Die Problematisierung der Schüchternheit ist eine Antwort auf diese neuen Formen der Vergemeinschaftung.«

Daran anknüpfend erfolgt mit Rekurs auf Charles Darwin, Georg Simmel, Gabriel Tarde u.a. eine bündige Rekonstruktion der Pathologisierung der Schüchternheit im 20. Jahrhundert, die mit einer gewissen Anschlussfähigkeit an Niklas Luhmann endet:

 »Was der Introvertierte sichtbar macht, ist die große immaterielle und affektive Arbeit, die damit einhergeht, sich in beständig wechselnden Gemeinschaften bewegen zu können. […] Solche Gemeinschaften sind nicht einfach da, sondern eine nie endende kommunikative Aufgabe – und für den Schüchternen eine Zumutung. […] Die Teilhabe muss durch beständiges Netzwerken erarbeitet und gesichert werden. Damit wird die Position des Schüchternen aber problematisch. […] Die Herstellung von Gemeinschaft erfordert ganzen Einsatz, der auch entsprechend sichtbar werden muss – man muss zum Vernetzungsvirtuosen werden. Gemeinschaft wird, gerade weil sie sich nicht auf vorgegebene Sicherheiten stützen kann, zu einer operativen Gemeinschaft: einer Gemeinschaft, die immer wieder neu hergestellt werden muss.«

Allerdings beobachtet Stäheli seit den 1990er Jahren parallel dazu auch eine gewisse »Heroisierung des Schüchternen« in der Rock- und Popmusik wie auch in der Populärwissenschaft, was seines Erachtens zu der problematischen Unterscheidung zwischen willensstarken Introvertierten (wie z.B. Bill Gates) und nach wie vor angstgetriebenen Schüchternen führt:

»Der nun hochgeschätzte Introvertierte verzichtet aus eigenem Willen auf soziale Geselligkeit, während der Schüchterne von sozialer Angst getrieben […] ist. Nur der willensstarke Introvertierte taugt zum Helden; der Schüchterne dagegen wird einmal mehr zur tragischen Figur, möchte er doch am Gemeinschaftsleben teilhaben, wird aber von seinen Ängsten davon abgehalten.

Wie auch immer man diesen diskursiven Schachzug einschätzen mag, so gilt für beide Figuren, dass quietness dem endlosen Palaver der Netzwerkgesellschaft gegenübergestellt wird. […] Im Schüchternen entdeckt die moderne Gesellschaft Inkommunikabilität als Potential und als Korrektiv […]. Im Schüchternen findet eine übervernetzte Gesellschaft einen Hinweis darauf, dass sie verlernt hat, Momente der Inkommunikabilität – der Reduktion und des temporären Suspendierens von Kommunikation – auszuhalten oder gar deren Möglichkeiten zu erkennen.«

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* »Long live the Quiet« ist ein Song der Band Monta auf dem Ende 2004 erschienenen Album »Where Circles Begin«. Das Video dazu findet sich auf Youtube:

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