Heute ist die Zukunft von gestern — Teil V

12. Juli 2011

Schon aufgrund der Vielzahl an ineinander wirkenden Variablen bleiben die langfristigen soziokulturellen Folgen neuer kommunikationstechnischer Entwicklungen kaum abschätzbar, auch wenn sich hin und wieder aus der Vielzahl an Zukunftserwartungen eindrucksvolle Zufallstreffer herausfiltern lassen (vgl. auch »Heute ist die Zukunft von Gestern« Teil I, II, III und VI).

Ein besonders eindrückliches Beispiel sind einige Vorhersagen aus dem Buch »The Information Machines: Their Impact on Men and the Media« (1971) des Journalisten Ben Haig Bagdikian, der im selben Jahr im Kontext der Veröffentlichung geheimer Pentagon-Papiere zum Vietnam-Krieg einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde und später die Bestseller Media Monopoly und New Media Monopoly veröffentlichte. Das Buch selbst ist heute kaum mehr zu bekommen, aber aus einem Spiegel-Artikel (1972) lassen sich seine Kernthesen extrahieren. So prognostizierte Bagdikian z.B.:

»Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wird eine neue Technologie mehr tägliche Informationen unter mehr Menschen streuen können als je zuvor in der Weltgeschichte.«

Quelle: Spiegel 1972

Das ist zunächst selbstredend eine relativ unscharfe Formulierung. In einigen Teilaspekten wird Bagdikian allerdings genauer, wie wir anhand der Worte des damals rezensierenden Spiegel-Redakteurs nachvollziehen können:

  • Zur Zukunft der Zeitung: »[D]er Computer […] wird die Zeitung auf elektronischem Weg ins Heim des Lesers projizieren, entweder auf einen Bildschirm, auf ein Video-Band oder in ein Xerox-ähnliches Faksimile-Gerät. Der Leser des Jahres 1990 könnte in der Lage sein, vom Zeitungs-Computer zusätzliches Nachrichten-Material anzufordern, und er wird dann mit prompter Bedienung rechnen können.«
  • Zum Web im Allgemeinen: »[E]in reaktives Kommunikationssystem ähnlich dem Telephon […] verheißt etwa die elektronische Auslieferung von Briefen und Telegrammen; die elektronische Bestellung und Übermittlung von Bildungs- und Nachrichtenmaterial aus Bibliotheken, Zeitungsredaktionen und anderen Informationszentren; die wechselseitige Verbindung von Fernseh-Heimen; die Bestellung und den Kauf von Waren auf elektronische Sicht.«
  • Zum Online-Shopping: »Eine Hausfrau, die einen Regenmantel kaufen möchte, läßt sich zu Hause auf dem Bildschirm von einer Firma Photos und Beschreibungen aller Regenmäntel in der gewünschten Größe und Preisklasse vorführen. […] Die Hausfrau wählt und bestellt per Telephon oder eine andere häusliche Signalvorrichtung. Der Computer der Firma nimmt die Bestellung entgegen, belastet automatisch das Bankkonto der Kundin mit dem Rechnungsbetrag und schreibt ihn gut aufs Firmenkonto.«
  • Zur Informationsflut: »›Die Elektronen‹, schreibt Bagdikian, ›haben keine Moral. Sie dienen freien Menschen wie Diktatoren mit gleichem Eifer.‹ Und ihre Schnelligkeit und Wirkungskraft hat durchaus auch schlimme Nachteile: ›Sie ermutigen eher zur Reaktion auf aktuell wichtige Ereignisse als auf große Trends.‹ […] ›In einem gewissen Sinn‹, so schreibt er, ›ist die ausgeklügelte Überschwemmung des Individuums mit Informationsfluten frei Haus nur das Pendant zur Ignoranz der Massen vergangener Zeiten – mit dem bösen Unterschied, daß jetzt auch noch die Illusion umfassenden Wissens erweckt wird.‹«

Insbesondere die letztgenannte These erscheint mir im Zeitalter von Social Media und Breitband-Internet reflexionswürdig, denn sie weist auf eine oft übergangene Problematik der »Informationsgesellschaft« hin (vgl. Neue Demokratie im Netz?):

Nicht die pure Verfügbarkeit von Informations- oder Kommunikationsmöglichkeiten bestimmt den kognitiven Aktionsradius, sondern die Navigationsfähigkeiten in dieser Flut an Alternativen. Wenn der augenblickliche Wandel mit einer kondensierenden Vokabel umschrieben werden soll, ließe sich also eher von einer ›Selektionsgesellschaft‹ sprechen: Erst durch die entsprechenden Gewichtungskompetenzen lassen sich aus den schieren Datenmengen relevante Informationen herausfiltern. Letztlich sind diese Kompetenzen seit jeher der Schlüssel für die Reaktionsfähigkeit kognitiver Systeme.

2 Kommentare zu “Heute ist die Zukunft von gestern — Teil V”

  1. Tietducture says:

    was ich suchte, danke

  2. […] Prognosen aufgestellt, die lang- oder mittelfristig vorhersagen wollen, was kommen wird (vgl. »Heute ist die Zukunft von gestern«). Oder aber es wird versucht, z.B. durch Regulierungsmaßnahmen oder andere Lenkungsformen […]

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