Jürgen Habermas und der digitale Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit

14. März 2026

Jürgen Habermas († 14. März 2026) war einer der profiliertesten deutschen Philosophen und Soziologen der Gegenwart – und hat sich bis zuletzt aus einer Langfristperspektive mit dem Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit im Horizont neuer soziotechnischer Konfigurationen auseinandergesetzt, so etwa in dem Text »Überlegungen und Hypothesen zu einem erneuten Strukturwandel der politischen Öffentlichkeit« (2021, 480, 498; open access in englisch 2022) wie folgt:

»In Europa hatte sich die bürgerliche Öffentlichkeit in ihrer literarischen und ihrer politischen Form erst allmählich aus dem Schatten älterer Formationen – vor allem der religiösen Öffentlichkeit des Kirchenregiments sowie der repräsentativen Öffentlichkeit der in Kaisern, Königen und Fürsten persönlich verkörperten Herrschaft – lösen können, nachdem die sozialstrukturellen Voraussetzungen für eine funktionale Trennung von Staat und Gesellschaft, von öffentlicher und privater wirtschaftlicher Sphäre erfüllt waren. Aus der lebensweltlichen Perspektive der Beteiligten betrachtet, steht deshalb die Zivilgesellschaft politisch aktiver Bürger von Haus aus in diesem Spannungsfeld der privaten und der öffentlichen Sphäre. Wir werden sehen, dass die Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation die Wahrnehmung dieser Grenze zwischen privatem und öffentlichem Lebensbereich verschwimmen lässt, obgleich sich die sozialstrukturellen Voraussetzungen für diese auch rechtssystematisch folgenreiche Unterscheidung nicht verändert haben. Aus der Sicht der halb privaten, halb öffentlichen Kom-
munikationsräume, in denen sich heute die Nutzer sozialer Medien bewegen, verschwindet der inklusive Charakter einer bis dahin von der Privatsphäre erkennbar getrennten Öffentlichkeit.

[…] In den Kommunikations- und Sozialwissenschaften ist es inzwischen üblich, von disrupted public spheres zu sprechen, die sich vom Raum der journalistisch institutionalisierten Öffentlichkeit entkoppelt haben. Aber für die wissenschaftlichen Beobachter wäre es falsch, daraus die Konsequenz zu ziehen, die Beschreibung dieser symptomatischen Erscheinungen von demokratietheoretischen Fragen überhaupt abzutrennen.Denn die Kommunikation in verselbständigten Halböffentlichkeiten ist ja selbst keineswegs entpolitisiert; und selbst wo das zutrifft, ist die prägende Kraft, die diese Kommunikation für die Weltsicht der Beteiligten hat, nicht unpolitisch. Ein demokratisches System nimmt im ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit der Bürger nicht mehr auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender öffentlicher, und das heißt: qualitativ gefilterter Meinungen, nicht mehr gewährleisten kann.«


Querverweis: »Paradigmenwechsel in der EU-Mediengesetzgebung«

31. Januar 2026

In den Media Perspektiven 1/2026 ist ein handlicher Überblicksartikel zu aktuellen Veränderungen in der Medienregulierung durch die Europäische Union (EU) erschienen, welcher den »Digital Services Act« (DSA) und den »Digital Markets Act« (DMA) in übergreifende Entwicklungslinien einordnet:

»[…] Damit wird die EU zum Akteur genuiner Mediengesetzgebung und die Europäische Kommission (gegebenenfalls in Kollaboration mit anderen Einrichtungen) zu einem zentralen Medienregulierer im
europäischen Binnenmarkt für Mediendienste. Anders ausgedrückt: Es findet die Europäisierung von Mediengesetzgebung in der EU statt.
[…] Die in diesem Text beschriebenen Regelwerke und Prozesse [u.a. DSA und DMA] müssen als miteinander kommunizierende Röhren verstanden werden. Einzeln und in ihrer Verschränkung ermöglichen sie es der EU, maßgeblich der Europäischen Kommission, eine Position als europäischer Mediengesetzgeber und -regulierer aufzubauen und entsprechende Kapazitäten wirksam einzusetzen. Das führt zur Einschränkung mitgliedstaatlicher Handlungsfreiheiten und -möglichkeiten und insofern zum hier konstatierten Paradigmenwechsel in der EU-Medien-
gesetzgebung bzw. -regulierung. Er sollte als strategische Rejustierung des Handelns der EU ernst genommen werden. Das Europäische Parlament unterstützt diesen Ansatz. Der Rat, also die Mitgliedstaaten, stellen sich ihm in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit nicht (jedenfalls nicht wirksam) entgegen. Sie haben ihn als Mitgesetzgeber im Ministerrat vielmehr mitgestaltet. Die hier skizzierte Entwicklung dürfte in den nächsten Jahren weitere Dynamik entfalten.
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Splitter: 10% des Umsatzes von Meta durch betrügerische Werbeinhalte (Reuters)

8. November 2025

Meta Platforms hat 2024 einen Jahresumsatz von 164,5 Mrd. US-Dollar generiert. Über 97 Prozent davon gründen auf dem Verkauf von Werbung auf den hauseigenen Plattformen, also Facebook, Instagram, WhatApp und Threads (siehe Form 10-K).

Einer gerade publizierten Reuters-Recherche zufolge sollen rund 10 Prozent dieser Werbeeinnahmen – oder 16 Mrd. US-Dollar – laut internen Dokumenten des Unternehmens aus Schaltungen mit betrügerischer Absicht (Scam) stammen. Meta Platforms hat die eigenen Schätzungen in einer ersten Reaktion inzwischen als »rough and overly-inclusive« bezeichnet. Aus dem Reuters-Artikel:

»Meta internally projected late last year that it would earn about 10% of its overall annual revenue – or $16 billion – from running advertising for scams and banned goods, internal company documents show. […] Much of the fraud came from marketers acting suspiciously enough to be flagged by Meta’s internal warning systems. But the company only bans advertisers if its automated systems predict the marketers are at least 95% certain to be committing fraud, the documents show. If the company is less certain – but still believes the advertiser is a likely scammer – Meta charges higher ad rates as a penalty, according to the documents. The idea is to dissuade suspect advertisers from placing ads. The documents further note that users who click on scam ads are likely to see more of them because of Meta’s ad-personalization system, which tries to deliver ads based on a user’s interests.

In a statement, Meta spokesman Andy Stone said the documents seen by Reuters ›present a selective view that distorts Meta’s approach to fraud and scams‹. The company’s internal estimate that it would earn 10.1% of its 2024 revenue from scams and other prohibited ads was ›rough and overly-inclusive‹, Stone said. The company had later determined that the true number was lower, because the estimate included ›many‹ legitimate ads as well, he said. He declined to provide an updated figure.«

Ein gute Gelegenheit, um sich an dieser Stelle erneut eine schlecht gelaunte Diagnose von Hans Magnus Enzensberger aus dem Jahr 2013 in Erinnerung zu rufen:

»[…] die politische Macht der Reklame hat in den letzten drei bis vier Jahrzehnten in einem historisch beispiellosen Ausmaß zugenommen. Ermöglicht wurde das durch die Erfindung des Computers und durch den Aufbau des Internets. Seitdem sind neue Weltkonzerne entstanden, deren Börsenwerte die alten Monster der Schwerindustrie und des Finanzkapitals in den Schatten stellen. […] Google, Facebook, Yahoo & Co. Es ist ihr Grundprinzip, dass sie selber keinerlei Inhalte generieren. Diese Arbeit überlassen sie entweder anderen Medien oder den sogenannten Usern, die ihnen kostenlos Nachrichten oder Details aus ihrem Privatleben zuliefern. Dieses Geschäftsmodell hängt von der Finanzierung durch Reklame ab. Diese Konzerne sterben, wenn sie nicht werben.«


ARD/ZDF-Medienstudie 2025

7. Oktober 2025

Ende September ist die ARD-ZDF-Medienstudie 2025 erschienen, die aus der seit Mitte der 1960er-Jahre erhobenen Langzeitstudie Massenkommunikation und der seit 1997 erhobenen ARD/ZDF-Onlinestudie hervorgegangen ist. Sie basiert auf einer Zufallsstichprobe (70% Telefon-Stichprobe mit Dual-Frame und 30% Online-Stichprobe; N=2.512), ist repräsentativ für die deutschsprachige Wohnbevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland und wurde wischen dem 28. Januar und 13. April 2025 erhoben. Ausführliche Artikel zur Medienstudie finden sich in den Media Perspektiven.

Einige Kernergebnisse:

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42. DGS-Kongress: Technik, Medien, digitale Transformation, KI

8. September 2025

Der 42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) steht vor der Tür (22.–26. September, Duisburg). Grund genug, um das Programm nach technik-, innovations- und mediensoziologisch ausgerichteten Panels und Beiträgen zu durchforsten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Dabei zeigt sich, dass sich die gegenwärtige deutschsprachige Soziologie mit einem überaus weiten Spektrum an soziotechnischen Transitionsdynamiken beschäftigt – und das wechselvolle Spannungsverhältnis von Technik und sozialem Wandel, das auf übergreifender Ebene erstmals auf dem Soziologentag 1986 thematisiert worden ist (Lutz 1987), inzwischen zu einem Kerngegenstand gesellschaftswissenschaftlicher Forschung avanciert ist:

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Neuerscheinung: »Technik und Gesellschaft. Eine kurze Einführung«

14. Juli 2025

In diesen Tagen ist in der Reihe Reclams Universal-Bibliothek der Band »Technik und Gesellschaft. Eine kurze Einführung« (181 Seiten, 10 Abbildungen, 9,60 €) erschienen.

Das handliche Taschenbuch bietet in neun Kapiteln einen kompakten und leicht verständlichen Einstieg in zentrale Einsichten und Grundfragen der Techniksoziologie: In welcher Weise wird das moderne gesellschaftliche Zusammenleben durch Technik geprägt? Wie greifen technische und soziale Veränderungen ineinander? Auf welchen Prämissen baut die digitale Transformation auf? Welche neuen gesellschaftlichen Möglichkeitsräume und Machtverhältnisse entstehen mit ihr? Welche Potenziale und Risiken gehen mit der Entwicklung und Anwendung künstlicher Intelligenz einher? Und: Lässt sich Technikentwicklung regulieren oder sogar steuern?

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Digital News Report 2025

17. Juni 2025

Der seit 2012 erhobene Reuters Institute Digital News Report 2025 ist erschienen. Er bietet einen umfassenden Überblick zur weltweiten Rezeption von Nachrichten und Nutzung aktueller Informationsquellen. In Deutschland fand die Erhebung zwischen dem 16. und 30. Januar 2025 statt; die Stichprobe ist für Onliner ab 18 Jahren repräsentativ. Hier die wichtigsten Links dazu:

Einige Kernergebnisse:

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