Querverweis: Soziologie und Öffentlichkeit

15. September 2013

In der Soziologischen Revue 36(3) findet sich ein Essay von Ralf M. Damitz zum Verhältnis von Soziologie und Öffentlichkeit, das u.a mit Rekurs auf Michael Burawoy (»public sociology«), Fran Osreckis Buch »Die Diagnosegesellschaft« (2011), Annette Treibels und Stefan Selkes Artikel »Soziologie für die Öffentlichkeit« sowie meinen Beitrag zur »›Markenidentität‹ der Soziologie« die Frage diskutiert, was künftig »Zuschnitt und Intention soziologischer Erzählungen« sein kann und sollte:

»Hat unser Fach soziologische Erzählungen zu bieten, die es einer interessierten Öffentlichkeit erlauben, die Gesellschaft, in der wir leben, ein Stück weit les-, versteh- und vielleicht sogar handhabbarer zu machen?«

»Welches sind brennende Fragen, zu denen öffentliche Soziologie heute ihren Beitrag leisten kann? […] Haben ausgerechnet SoziologInnen wenig Ahnung von den Problemen ihrer Gesellschaft?«

»C. Wright Mills […] empfahl, die Formen individuellen Unbehagens, die typischerweise in Epochen sozialen Wandels entstehen, zum Ausgangspunkt der soziologischen Bemühung zu machen. Warum sollten Soziologen den Bedarf an öffentlicher Deutung und Erklärung solcher Phänomene Journalisten und allerlei fachfremden Intellektuellen überlassen?«

SoziologieÖffentlichkeit

Ohne diese Fragen erschöpfend beantworten zu können (wie auch?), kommt Damitz (213: 259) in seinem Essay zu dem Schluss, dass der Begriff ›öffentliche Soziologie‹ bislang »eher als Knotenpunkt verschiedener durchaus heterogener Vorstellungen fungiert«, wobei auch die Motive für ein diesbezügliches Engagement – z.B. »professionelle Outputorientierung«, Werbung für die Disziplin, Aufklärung oder »individuelle Prestigekonsolidierung« – nicht auf einen Nenner zu bringen seien. Nichtsdestotrotz rät er der Soziologie in mehreren Belangen zur ›Mehrsprachigkeit‹:

»Wenn es zur ›Markenidentität‹ der Soziologie gehört, in der sozialen Welt ›die Kontingenz eingespielter Beobachtungsweisen vor Augen zu führen‹ (Schrape 2011: 150) oder beständig daran zu arbeiten, ›Alternativen zum scheinbar Faktischen aufzudecken, das Mögliche gegen das für wirklich Gehaltene auszuspielen und […] das Utopische konstruierter Gedankenbilder der historischen Wirklichkeit entgegenzuhalten“ (Soeffner 2011: 148), dann ist die mit dem Stichwort öffentliche Soziologie verbundene Herausforderung, dieses Geschäft […] in fremde Welten zu tragen […].

Grundlegend gehört eine ›Mehrsprachigkeit der Soziologie‹ (Wiesenthal 2008: 39) dazu, die Fähigkeit, verschiedene Publika argumentativ bedienen zu können. Wir sprechen ferner vom Vermögen, jenseits der Grenzen des Fachs die Markenidentität der Soziologie auch vertreten zu können, also für Kontingenzen einzustehen oder an scheinbar verstellte, aber doch vorhandene Möglichkeiten zu erinnern. Das ist eine durchaus politische Angelegenheit. Man braucht dazu soziologische Erzählungen, die anschlussfähig sind, die also nicht ›in den Wind gesprochen‹ (J. Amery) werden. Und man hat es dann auch mit einem Rollenspiel zu tun, in das sich Soziologinnen und Soziologen vermutlich erst noch hineinfinden müssen.

[…] Wichtiger aber ist die Frage, ob öffentliche Soziologie in Zukunft eine Sache unternehmerischer Intellektueller sein oder ob es eine fachliche Verantwortung geben wird (dazu Neun 2013).«

Dabei stellt sich die Frage, ob die Vokabel ›öffentliche Soziologie‹ des Pudels Kern trifft, oder ob es eigentlich um disziplinscharfes Wissenschaftsmarketing geht – und zwar nicht in dem heute oft verkürzt genutzten Sinne, sondern im Sinne allgemeiner kommunikativer Anschlussfähigkeit (aus: »›Markenidentität‹ der Soziologie«):

»In einem Wirtschaftsunternehmen wird ab einem gewissen Grad der Ausdifferenzierung eine Marketing-­Abteilung mit dem Aufbau einer entsprechenden externen Kommunikation betraut, welche aus der Sicht interner Spezialisten meist unterkomplex erscheint, aber zunächst auch nur eine initiale Aufmerksamkeit […] herstellen will […]. Die Soziologie kann derzeit hingegen kaum auf eine solche funktionale Ressource zurückgreifen […]. In den meisten Fällen müssen daher die einzelnen Wissenschaftler ihr Wissen bei Interesse selbst in eine öffentlichkeitswirksame Sprache übersetzen […], was zu ähnlichen Rollenkonflikten führen kann, wie sie Luhmann (1997) für Experten in der Politikberatung diagnostiziert hat, denn allzu massenwirksame Zeitdiagnostiker haben wiederum in der Wissenschaft einen schweren Stand.

Wenn die Soziologie also […] neben ihren Beratungsleistungen für Organisationen bzw. Akteure aus unterschiedlichen Funktionssphären auch eine öffentliche ›Reflexionswissenschaft‹ sein will, sollte sie ihre disziplinübergreifende Öffentlichkeitsarbeit professionalisieren: Dadurch ließen sich nicht nur ihre internen Spezialisten entlasten, sondern auch die mit einer solchen funktionalen Ausdifferenzierung einhergehenden Synergieeffekte auszunutzen und übertragbare Erfahrungen sammeln, die dabei helfen, den Umgang mit den Massenmedien bzw. der allgemeinen Öffentlichkeit zu effektivieren.«