Heute ist die Zukunft von gestern IX: »Ein Zeitalter des Optimismus« (Negroponte 1995)

1. September 2012

Neulich ist mir ein Buch in die Hände gefallen, in das ich seit über 15 Jahren nicht mehr hineingelesen habe, aber dennoch zahlreiche Umzüge überlebt hat: Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder: Die Zukunft der Kommunikation von Nicholas Negroponte (München: Bertelsmann 1995).

Sein Epilog ist mit »Ein Zeitalter des Optimismus« überschrieben und spiegelt bereits viele der Hoffnungen und Ängste wider, die in den letzten zwei Jahrzehnten immer wieder an die Online- und Mobiltechnologien geknüpft wurden (siehe auch: »Wiederkehrende Erwartungen«):

»Das nächste Jahrzehnt wird den Missbrauch geistigen Eigentums und einen Einbruch in unsere Privatsphäre erleben. Wir werden Digitalvandalismus, Softwarepiraterie und Datendiebstahl kennenlernen. […] Lange bevor politische Bemühungen Erfolge zeigen […], werden Bits grenzenlos gespeichert und verändert werden […] Wahrscheinlich spielen in unserer digitalen Zukunft Zeitzonen eine wichtigere Rolle als Handelszonen.

[…] Bits lassen sich nicht essen, das heißt, sie können den Hunger nicht stoppen. Rechner besitzen keine Moral; sie können für komplexe Themenbereiche wie das Recht auf Leben und Sterben keine Lösungen anbieten. Aber […] wie eine Naturgewalt kann auch das Digitalzeitalter weder ignoriert noch gestoppt werden. Denn es besitzt vier mächtige Eigenschaften […]: Dezentralisierung, Globalisierung, Harmonisierung und Befähigung zum Handeln.«

Die Chancen und Risiken der Dezentralisierung und Globalisierung, wie sie auch im vorliegenden Epilog auflistet werden, wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig zuerst bei Christiansen, dann bei Will und schließlich bei Jauch diskutiert – was aber meinte Negroponte 1995 mit »Harmonisierung« und »Befähigung zum Handeln«?

»Während sich Politiker mit der Altlast der Geschichte abmühen, entsteht aus der digitalen Landschaft eine neue Generation, die frei von alten Vorurteilen ist und sich von den Beschränkungen geographischer Nähe als einziger Basis für Freundschaft, Zusammenarbeit, Spiel und Nachbarschaft gelöst hat. Die digitale Technologie kann wie eine Naturgewalt wirken, die die Menschen zu größerer Weltharmonie bewegt.

[…] Aber mehr als alles andere entsteht mein Optimismus aus der Befähigung zum Handeln, die die Digitalzeit mit sich bringt. […] Während Kinder lernen, globale Informationsquellen zu nutzen und dabei feststellen, daß nur die Erwachsenen eine Erlaubnis zum Lernen benötigen, werden wir neue Hoffnung und Würde an Orten der Welt entdecken, wo es dies bisher nur selten gab. […] Die Kontroll-Bits dieser digitalen Zukunft liegen stärker als je zuvor in den Händen der Jugend […].«

17 Jahre nach »Total Digital« scheint es gleichwohl – trotz aller technologischen Weiterentwicklungen und Zugangserleichterungen – noch immer ein weiter Weg bis hin zu der von Negroponte erhofften »Weltharmonie« zu sein.

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