Niklas Luhmann über Protest

8. Juli 2012

Update: Siehe auch Teil 2!

Niklas Luhmann hat sich nicht nur einmal mit dem Themenkomplex ›Protest‹ beschäftigt (vgl. »Luhmann und Stuttgart 21«). In relativ verständlicher Form und mit Rückgriff auf die Beatles nähert sich Luhmann dem Thema in einem taz-Artikel aus dem Jahr 1988 an, der auf der hier verlinkten (wohl etwas älteren) Quellseite mit einer kritischen Antwort von Urs Jaeggi garniert wird. Dabei lässt sich der Text zum einen als zeitgenössisches Dokument lesen – als wortgewandte Abrechnung mit der alternativen Gesellschaftskritik in der ›68er‹-Tradition. Zum anderen finden sich aber auch heute noch höchst anschlussfähige Thesen:

»Gewiß: die Idee ist unabweisbar, daß alles auch ganz anders gehen könnte. Eine ganze Armee von Intellektuellen hat sich dadurch inspirieren lassen – nur um letztlich auf einer Ja/Aber-Position zu landen, ohne dann erkennen zu können, daß man falsch gestartet war. […] Was gescheitert ist, ist die Naivität und die Leichtfertigkeit der Beschreibung.

[…] Für die 68er Bewegung war das Problem der Gesellschaft noch primär wie im 19. Jahrhundert ein Problem der Verteilung gewesen, ein Problem der Gerechtigkeit, ein Problem der Benachteiligung, ein Problem der Beteiligung. Eine Gesellschaft – und wenn man angreifen wollte, sagte man ›Herrschaft‹ – die nicht imstande ist, dieses Problem angemessen zu lösen, erschien als ein ›System‹ ohne Legitimität. Ihr gegenüber war ein Hinweis auf Normen und die Forderung nach Einlösung der Normen, die man nicht leugnen konnte, angemessen. So argumentiert Jürgen Habermas […] noch heute.

[…] Die Kritik und die Rebellion finden nicht außerhalb der Gesellschaft, sie finden innerhalb der Gesellschaft statt. […] Man kann nicht unschuldig bleiben. Die Theorie hat nicht das letzte Wort. Wenn sie als Kommunikation Erfolg hat, verändert sie die Gesellschaft, die sie beschrieben hatte; verändert damit ihren Gegenstand und trifft danach nicht mehr zu. […] So hat die Partizipationsbewegung der 68er […] zu riesigen Partizipationsbürokratien geführt und damit zu einem immensen Zuwachs an organisierten Entschuldigungen dafür, daß nichts geschieht, – einer Tatsache, mit der wir nun leben müssen. […] ›Die‹ Gesellschaft hat keine Adressen. Was man von ihr verlangen will, muß man an Organisationen adressieren.

[…] Die unbestreitbaren, gravierenden zukunftsbedrohenden Veränderungen in der natürlichen Umwelt, die die Gesellschaft selbst auslöst, werden allmählich zum Rationalitätsproblem dieses Jahrhunderts. […] Es mag etwas übertrieben sein, aber mir scheint, daß der eigentliche Erfolg und der positive Beitrag der 68er zur Gesellschaftspolitik […] erst durch ihren Einstieg in das Ernstnehmen der ökologischen Problematik zustandegekommen ist.

[…] Andererseits ist die Solidarität in der Angst natürlich kein Prinzip, mit dem man regieren und verwalten könnte. Insofern schließt sich die Bewegung selbst aus der Verantwortung aus, wenn sie versucht, sich in einer extremen Position der Unschuld zu halten. Aber so wie die Roten werden auch die Grünen nachdunkeln, wenn sie in Ämter kommen.«

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3 Kommentare zu “Niklas Luhmann über Protest”

  1. Karl Klammer says:

    Auch ganz hilfreich in diesem Zusammenhang: Luhmanns Überlegungen zur “Zukunft der Demokratie”: http://www.open-mindwork.org/foren/omspace/forum.php?req=thread&id=121

  2. […] (3) Jan-Felix Schrape weist auf seinem Blog gedankenstrich.org auf einen interessanten Artikel Luhmanns zum Thema Protest (1988) und zitiert einige “heute noch höchst anschlussfähige Thesen.” […]

  3. […] zu vielerlei Gelegenheiten an ›sozialen Bewegungen‹ gerieben (siehe auch: Niklas Luhmann über Protest — Teil 1). In einem Interview mit Kai-Uwe Hellmann im Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2/1994 (S. […]

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