Die 36 Thesen des Jeff Jarvis – Zusammenfassung und Diskussion

8. Mai 2011

Der New Yorker Medienprofessor Jeff Jarvis hat in seinem Blog 36 Thesen zur Zukunft der Nachrichtenbranche zur Diskussion gestellt (auch auf deutsch). Einige erhellende Schlaglichter sollen hier zusammengefasst werden:

  • Geschäftsmodelle: »Tugend ist kein Geschäftsmodell. Nur weil Sie gutes tun, verdienen Sie es nicht, dafür bezahlt zu werden. […] Geschäftsmodelle basieren weder auf Ansprüchen, noch auf Emotionen. […] Auf dem Markt zählt nur der Wert. Wert wird durch Nachfrage bestimmt. Welches Problem lösen Sie? Wenn jemand Ihre Aufgabe günstiger, besser und schneller anbieten kann, wird er es machen.«
  • Digitale Regeln: »Sie werden den Markt nicht länger kontrollieren. […] Sie sind ein Mitglied eines Ökosystems. Gehen Sie gut mit Anderen um. […] Überfluss wird die Preise digital noch stärker nach unten treiben als in Print. […].«

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  • Chancen I (lokale Angebote):  »[…] es geht darum, Angebote für lokale Händler zur Serienreife zu bringen (über alle  Plattform – nicht einfach Platz auf einer Medienseite zu verkaufen, sondern auch bei der Umsetzung mit Google Places, Foursquare, Facebook-Deals und Twitter-Specials zu helfen) und neue, unabhängige, unternehmerische Verkaufskräfte zu etablieren.«
  • Chancen II (Communities): »Die Nutzer beteiligen sich auf Facebook 30 Mal stärker als auf Zeitungswebseiten. […] Wenn wir wahrhaftig ein Angebot für eine Community anbieten wollen, müssen wir unser Verhältnis zur Öffentlichkeit überdenken und eine Plattform für unsere Community anbieten. Dann wird sich das Engagement verstärken, und damit einhergehend die Zuhörerschaft, der Traffic und die Daten vergrößern.
  • Chancen III (Kernkompetenzen): »Journalisten sollten nur das tun, was den meisten Wert bringt. Das bedeutet der Öffentlichkeit nicht das zu erzählen, was bereits bekannt ist. […] Es geht nicht um Produktion. Es geht ums Berichten, Überprüfen, Kuratieren, Erklären, Organisieren […].«

Kommentar I (lokale Angebote): Jarvis’ These zur Relevanz lokaler Werbe- und Vermarktungsmodelle im Netz ist auch hierzulande nicht von der Hand zu weisen: Einerseits existiert bis dato für die wenigsten Regionen ein vollständiges und eingängig benutzbares »lokalisiertes Internet«, in dem sich unkompliziert alle Shopping-Möglichkeiten, Kultur- und Restaurant-Optionen abrufen lassen. Natürlich, es gibt Google Maps oder Around Me, aber das sind keine vollintegrierten Angebote, die eine lokale Identität erschaffen. Und andererseits fehlt es kleinen lokalen Händlern oft auch an dem notwendigen Know-How für die Online-Welt, solange es um mehr als nur eine Web-Visitenkarte geht. In diese Lücke könnten z.B. die Anzeigenabteilungen der darbenden Lokalblätter stoßen – solange in die entsprechenden Kompetenzen investiert wird.

Kommentar II (Communities): Dass auf den Online-Plattformen von Printmedien-Anbietern erfolgreich Communities aufgebaut werden können, zeigt hierzulande das Spiegel-Forum. Allerdings bleibt zu hinterfragen, inwieweit zwischen den Beiträgen in diesem Forum und der Redaktionsarbeit des Spiegels denn tatsächlich Interaktionen bestehen (vgl. Jarvis’ Community-Manager-These) und wie viele dieser Communities nebeneinander existieren können, zumal die Zahl an regelmäßigen Kommentatoren auch im Spiegel-Forum überschaubar bleibt. Auf dem Felde der allgemeinen Social-Networking-Plattformen ist jedenfalls ein starker Hang zur Zentralisierung zu erkennen: Es ist heute absehbar, dass sich neben Facebook weder internationale Netzwerke wie MySpace noch landesspezifische Angebote wie StudiVZ bzw. MeinVZ dauerhaft halten können – es sei denn, sie bieten einen klar erkennbaren Mehrwert (z.B. Xing im beruflichen Kontext). Im Extremfall wird sich Facebook wie der Brief, das Telefon oder die E-Mail als selbstverständliche Kommunikations- und Präsentationsplattform in den Alltag integrieren und dann bleibt die Frage, wie viel Aufmerksamkeit seperate Communities von einzelnen Medienanbietern noch erlangen können.

Kommentar III (Kernkompetenzen): In seinem dritten Chancen-Block fasst Jarvis letztlich die Funktion der Massenmedien zusammen, wie sie Niklas Luhmann schon in den 1990er Jahren beschrieben hat: Da in der gesamtgesellschaftlichen Öffentlichkeit – aber auch in Teilöffentlichkeiten – die Aufmerksamkeitsressourcen begrenzt sind, haben sich die Massenmedien – und damit der professionelle Journalismus –  im Laufe der Jahrhunderte als verbreitungsstarke Auswahlstellen herauskristallisiert, die aus der schieren Vielzahl an Realitätsbeschreibungen und Meinungen nach spezifischen Kriterien (z.B. Konflikt, Quantität) jene Neuigkeiten (bzw. Unterschiede) verstärken, die für die meisten ihrer Rezipienten relevant erscheinen. Werden die Massenmedien entlang dieser Selektionsfunktion definiert (und damit unabhängig vom jeweiligen Trägermedium), wird deutlich, dass die Gesellschaft auch in Zeiten der Social Media und der automatischen News-Aggregatoren kaum auf den professionellen Journalismus verzichten kann (vgl. den Artikel »Web 2.0 vs. Massenmedien«). Ohne Frage: Facebook, Twitter, Weblogs und Co. effektivieren die Kommunikation auf vielen Ebenen, aber die schon seit in den 1990ern kolportierte Ablösung der Massenmedien in der gesellschaftlichen Gegenwartsbeschreibung durch nutzerzentrierte Berichterstattung kann noch immer als Vaporware bezeichnet werden – das Verhältnis zwischen Social Media und Massenmedien ist eher durch Komplementarität denn durch Konkurrenz geprägt.