Generative KI als Epochenbruch?
Jan-Felix Schrape | 19. Mai 2026Anlässlich der 2. Auflage des Bandes »Digitale Transformation« habe ich einen kleinen Beitrag für das [transcipt] Blog verfasst. Einige Ausschnitte daraus:
[…] Wer die KI‑Debatten der letzten Jahre verfolgt, erkennt einen vertrauten Rhythmus: ein technischer Durchbruch, ein rapider Diffusionsschub, euphorische Versprechen, dystopische Kassandrarufe – und dazwischen die Suche nach gesellschaftspolitischer Einhegung und alltagspraktischer Orientierung. Eine Langfristperspektive auf die digitale Transformation zeigt, dass dieses Muster keineswegs neu ist: Computer sollten in den 1970er‑ und 1980er‑Jahren ganze Berufsbilder vernichten und zugleich die Wissensarbeit revolutionieren. Das Internet und das Web 2.0 wurden als Ende der Massenmedien und Beginn einer demokratisierten ›Weisheit der Vielen‹ gefeiert – und später als Infrastrukturen einer neuen digitalen Allmacht kritisiert. ›Big Data‹ versprach Allwissenheit, weckte aber zugleich Überwachungsängste à la George Orwells »1984«.
Generative KI reiht sich in dieses Muster ein: Sie markiert zweifellos eine neue Stufe der Automatisierung kognitiver Routinen, wird in vielen Debatten allerdings so behandelt, als könne nunmehr die schiere Kraft der Technik alleine die Gesellschaft ›umstülpen‹. Eine Rekonstruktion der digitalen Transformation als Langfristprozess erinnert demgegenüber daran, dass soziotechnischer Wandel immer schon ein Zusammenspiel von technischer Innovation, soziokultureller Aneignung, institutioneller Einbettung und politischer Auseinandersetzung war – und bleibt.
[…] Weder bloßer Technikoptimismus noch reine Dystopie werden mithin dem laufenden soziotechnischen Umbruch gerecht, so medienwirksam entsprechende Thesen auch sein mögen. Die rapide gesellschaftsweite Diffusion generativer KI markiert fraglos eine neue Phase in der digitalen Transformation – vergleichbar mit der Etablierung des Internets in den 1990er-Jahren oder der Plattformisierung zahlreicher sozioökonomischer Austauschprozesse und Kommunikationsdynamiken seit Mitte der 2000er-Jahre. Schon diese Phasen soziotechnischen Wandels, ohne die der Aufstieg rezenter KI-Systeme sowohl in technischer und ökonomischer als auch alltagspraktischer Hinsicht kaum denkbar gewesen wäre, waren freilich von Ungleichzeitigkeiten, Uneindeutigkeiten und widersprüchlichen Effekten geprägt.
Insofern gilt es, technologische Innovationen weder zu verklären noch zu verteufeln, sondern sich des unauflösbaren Verschränkungszusammenhangs von Technik und Gesellschaft sowie den damit einhergehenden Ambivalenzen immer wieder neu bewusst zu werden – und konkrete Gestaltungspotenziale und -konflikte in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht ist das im Moment das Wichtigste: den laufenden soziotechnischen Wandel um ›Künstliche Intelligenz‹ ernst zu nehmen sowie gesellschaftliche Institutionen und demokratische Verfahren darauf einzustellen, ohne die Kraft der Technik per se zu überhöhen oder uns von diskursiven Technikzukünften in Panik versetzen zu lassen.














