Digitale Transformation: 2. Auflage
Jan-Felix Schrape | 18. Mai 2026Der Studienband »Digitale Transformation« in der Reihe Einsichten: Themen der Soziologie ist nun in zweiter Auflage erschienen (weitere Informationen bei transcript und UTB). Aus der Einleitung:
[…] Funktionierende Technik wird in der modernen Lebenswelt in der Regel als gegeben vorausgesetzt und in ihren Entstehungs- und Wirkungsbedingungen nicht weiter hinterfragt. Mehr noch: Wir vertrauen heute für gewöhnlich darauf, dass die für unser Alltagsleben konstitutiven technischen Strukturen schlicht funktionieren, ohne noch nachvollziehen zu müssen oder zu können, auf welchen Prozesszusammenhängen die genutzten Leistungen gründen. Das gilt für die großen Infrastruktursysteme, die heute selbst in Krisenzeiten zur garantierten Grundversorgung in entwickelten Ländern gehören, aber auch für elektronische Zahlungssysteme, internetbasierte Suchmaschinen oder KI-Chatbots. Wenn wir den Wasserhahn aufdrehen, das Licht einschalten, unser Smartphone an der Steckdose aufladen oder informationstechnische Dienste verwenden, machen wir uns im Normalfall kaum bewusst, wie viele verschiedene technische Komponenten sowie wirtschaftliche, organisationale und regulative Strukturen reibungslos ineinandergreifen müssen, damit wir die entsprechenden Leistungen verlässlich abrufen können.
[…] Anders verhält sich das in Phasen des offenkundigen soziotechnischen Umbruchs, in denen neue Technikformen Schritt für Schritt die Gesellschaft durchdringen und dort vielfältige Veränderungs- und Erneuerungsdynamiken anstoßen. Heinrich Popitz (1995: 13) spricht in diesem Zusammenhang von »fundamentalen Technologien«, die – wie etwa die Elektrizität – eine »neue Ebene der Machbarkeit« und einen neuen »Modus technischen Handels« erschließen. […] In einer solchen Phase des radikalen Umbruchs befindet sich die gegenwärtige Gesellschaft angesichts ihrer zunehmenden Durchdringung mit digitalen Informationstechnologien. Diese wird in vielen Belangen noch keineswegs als selbstverständlich erachtet, sondern von mannigfaltigen Unsicherheiten, Hoffnungen und Befürchtungen begleitet. Entlang immer neuer Kompaktbegriffe wie ›Web 2.0‹, ›Big Data‹ oder ›Industrie 4.0‹ werden die Umwälzungen diskutiert, die mit der gesellschaftlichen Etablierung digitaler Technik einhergehen: Wie wird sich die Wirtschafts- und Arbeitswelt verändern? Welche Rückwirkungen hat die Digitalisierung auf Politik und Öffentlichkeit? Inwiefern wandeln sich soziale Entscheidungsprozesse mit dem Einsatz intelligenter Maschinen? Dabei kommt ein Paradoxon zum Tragen, das bereits Marshall McLuhan (1968: 364) mit Blick auf den Medienwandel im 20. Jahrhundert aufgezeigt hat: Einerseits ist »jede Generation, die am Rande einer gewaltigen Wandlung steht, […] von der Kraft der neuen Technik hypnotisiert« und nicht in der Lage, ihre Effekte mit kritischer Distanz zu reflektieren. Andererseits birgt jeder Umbruch einen Moment der Klarheit darüber, wie grundlegend die Gesellschaft durch Technik an sich geprägt ist.
Den vorläufigen Gipfelpunkt der Digitalisierungsdebatte markiert seit Ende 2022 das Schlagwort ›künstlichen Intelligenz‹: Nach der Einführung von ChatGPT und vergleichbaren Angeboten ist generative künstliche Intelligenz in kürzester Zeit zu einem handlungsorientierenden Bestandteil des Arbeits- und Alltagslebens geworden und hat im öffentlichen Diskurs, an den globalen Finanzmärkten und in der Wissenschaft einen beispiellosen Hype um die Automatisierung kognitiver Leistungen ausgelöst. KI wird heute von vielen Seiten als eine »Schlüsseltechnologie des gesellschaftlichen Wandels im 21. Jahrhundert« (Heinlein/Huchler 2024: 2) beschrieben, die je nach Standpunkt bedeutende Beiträge zu der Lösung großer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten oder eine neue Ära der Massenarbeitslosigkeit einläuten könnte. Auch unter dem Dachbegriff ›künstliche Intelligenz‹ werden freilich eine Vielzahl höchst unterschiedlicher technischer Entwicklungen und vielgerichteter sozioökonomischer Adaptions- und Aneignungsprozesse zusammengefasst, die nach wie vor erst an ihrem Anfang stehen.
Das Ziel dieses Bandes kann insofern nicht darin bestehen, in eine bereits abgeschlossene Theorie der Digitalisierung einzuführen, denn eine solche Theorie kann letztlich noch gar nicht vorliegen – schon alleine, weil sich auch Soziologinnen und Soziologen dem Strudel der Faszination und Nervosität um einen soziotechnischen Umbruch nicht entziehen können. Vielmehr zielt dieser Band darauf ab, die sich intensivierende Digitalisierung und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse – kurz: die digitale Transformation der Gesellschaft – in den langfristigen Verknüpfungszusammenhang von Technik und Gesellschaft einzuordnen, um aus dieser techniksoziologisch informierten Perspektive erkennbare Ambivalenzen dieses Umbruchs zu diskutieren. Dabei stehen drei Fragen im Vordergrund: Wie wirken technische und soziale Prozesse ineinander? Was ist das tatsächlich Neue an den thematisierten soziotechnischen Veränderungsdynamiken? Und: Welche gesellschaftlichen Folgen gehen damit einher? […]















