Die Institutionalisierung des Kollektiven im Netz

6. Juli 2017

Aus: Dolata, Ulrich / Schrape, Jan-Felix (2018): Kollektivität und Macht im Internet. Wiesbaden: Springer VS (S. 24–30).

Vieles, was Bewegungen und Gemeinschaften auszeichnet, hat sich mittlerweile [in den Online-Bereich] verschoben: kollektive Meinungsbildung und Abstimmung, politische Kampagnen und Mobilisierung, Organisierung und Koordination der Aktivitäten, fachlicher Austausch und gemeinschaftliche Produktion.

Die genannten sozialen Merkmale der Institutionalisierung kollektiver Akteure werden dadurch zwar nicht außer Kraft gesetzt. Sie werden allerdings substanziell erweitert um neue Organisierungs- und Strukturierungs­leistungen von Kommunikation, Produktion und Protest, die das Internet und seine Plattformen als technologische Infrastrukturen bieten.

Dementsprechend lässt sich die Institutionalisierung des Kollektiven heute nicht mehr als rein sozialer, sondern nur noch als soziotechnischer Prozess auf angemessene Weise abbilden: als systematische Verschränkung von sozialen und technischen Organisierungs- und Strukturierungsleistungen, deren Zusammenspiel allerdings von Fall zu Fall erheblich variiert […].

‚Klassische‘ soziale Bewegungen
z.B. Proteste gegen TTIP (*2014)
Thematisch fokussierte Protestaktionen; getragen durch bereits etablierte KernakteureErgänzende Nutzung vorhandener Plattformen zur Koordination, Mobilisierung
Lose gekoppelte Bewegungen
z.B. Occupy (*2011)
Allgemein gehaltene Dachidentität; Organisation der Straßenproteste durch meinungsführende AktivistenEtablierte Webplattformen werden intensiv zur Kommunikation genutzt
Online-affine Themengeneralisten
z.B. MoveOn (*1998); Campact (*2004)
Breites Spektrum unterschiedlicher politischer Aktivitäten; organisiert durch ein kleines KernteamOrganisation und Mobilisierung über eine Vielzahl medialer Kanäle
Elitär strukturierte Gruppierungen
z.B. Wikileaks (*2006)
Konzentration auf subversive Aktivitäten; oft hermetisch abgeschlossene KernstrukturenEigene, oftmals nicht öffentlich zugängliche technische Infrastrukturen
Dezentrale Kollektive
z.B. Anonymous (*2004)
Kein organisierender Kern; Operation durch verteilte Einheiten unter einem gemeinsamen Label, meritokratische OrdnungsmusterInterne Kohäsion durch eigene Plattformen; öffentliche Kommunikation via Facebook, Twitter etc.
Produktorientierte Gemeinschaften
z.B. Wikipedia (*2001); OSS Communities
Ausdefinierte kollektive Identitäten, Rollenverteilungen, Partizipations- und KoordinationsstrukturenEigene technologische Plattformen zur Kollaboration und Kommunikation

[…] Zweierlei fällt nach diesem Überblick soziotechnischer Institutionalisierungsvarianten kollektiver Akteure im Web auf.

Erstens sind die technischen Infrastrukturen des Internets bei allen Unterschieden im Einzelnen zu einem handlungsstrukturierenden Bezugspunkt sozialer Bewegungen und Gemeinschaften geworden. […] Das Web ist mittlerweile ein zentraler Ausgangspunkt und Ort, an dem neue und oft ortlos agierende soziale Formationen entstehen. Auch die Binnen­strukturen sozialer Bewegungen und Gemeinschaften werden zunehmend von den technischen Möglichkeiten im Online-Bereich mitgeprägt.

[…] Die Online-Techniken setzen damit aber nicht – das ist der zweite Punkt, den wir herausstellen möchten – klassische Formen sozialen Organisierens und Strukturierens außer Kraft. […] Auch onlinezentrierte soziale Bewegungen und Gemeinschaften durchlaufen im Zuge ihrer situationsübergreifenden Stabilisierung regelmäßig Prozesse der sozialen Institutionalisierung ihrer kollektiven Aktivitäten und greifen dabei auf bekannte Muster zurück […].

Das Internet führt also keineswegs zu einer Disintermediation genuin sozialer Organisierungs- und Strukturierungsleistungen […]. Stattdessen vermischen sich klassische soziale Organisierungsmuster und Institutionalisierungs­dynamiken von kollektiven Akteuren mit technischen Strukturierungs­leistungen auf neuartige Weise.

Die Genese überindividueller Intentionalität, die Herausbildung einer kollektiven Identität sowie die Entwicklung von informell abgestimmten Regeln und Koordinationsstrukturen, die situatives und spontanes kollektives Verhalten in situationsübergreifend verstetigtes kollektives Handeln überführen, bleiben genuin soziale Prozesse, die durch die technischen Eigenheiten des Netzes unterstützt werden können, allerdings weit mehr als nur handlungsfördernde technologische Infrastrukturen benötigen […].

Ohne zielgerichtete soziale Institutionalisierungsdynamiken bleiben spontan emergierende Kollektivitäten und Bewegungen in den meisten Fällen ein Strohfeuer und verlieren schnell wieder an Einfluss – das lässt sich nicht zuletzt mit Blick auf Occupy Wallstreet und den sogenannten ›Arabischen Frühling‹ zeigen.

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