Open-Source-Projekte: vom Nischenphänomen zum integralen Bestandteil der Softwareindustrie

1. Dezember 2016

In den WSI Mitteilungen 8/2016 ist heute der Artikel »Open-Source-Projekte: vom Nischenphänomen zum integralen Bestandteil der Softwareindustrie« erschienen, der die Ergebnisse meiner Studie zur Entwicklung von quelloffenen Softwareprojekten zusammenfasst, aktualisiert und in einen gesellschaftspolitischen Kontext stellt:

wsi

›Open‹ ist zu einem ubiquitären Beiwort der digitalen Moderne geworden – von ›Open Science‹ über ›Open Innovation‹ bis hin zu ›Open Government‹. Ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Popularität des Offenheitsparadigmas liegt in dem Bedeutungs- zuwachs von Open-Source-Projekten in der Softwareentwicklung, der vielfältige Hoffnungen auf dezentralere Koordinationsweisen sowie eine technikinduzierte Auflösung eingespielter Rollenverteilungen und Machtasymmetrien in der Arbeitswelt provoziert hat. Aber eignen sich aktuelle Open-Source-Projekte überhaupt noch als Beispiel für offengehaltene und egalitäre Produktionszusammenhänge?

[…] Projektförmige Arbeitsweisen in quelloffenen Entwicklungsvorhaben und eingespielte Formen ökonomischer Koordination stehen also nicht in einem konkurrierenden, sondern in einem komplementären Verhältnis zueinander. Open-Source-Projekte haben in den letzten zwei Jahrzehnten die Kollaboration zwischen Entwicklern aus divergenten Kontexten, die sachbezogene Zusammenarbeit ansonsten fallweise in Konkurrenz stehender Marktteilnehmer wie auch die innerorganisationalen Produktionsmodi flexibilisiert und den Softwaremarkt insgesamt durchlässiger gemacht. Gleichzeitig zeigt sich mit Blick auf dauerhaft aktive quelloffene Softwareprojekte aber auch, dass frei verfügbarer Quellcode nicht zwangsläufig in transparenteren Koordinationsmustern als in anderen Arbeitszusammenhängen, einer Disintermediation langfristig kristallisierter Ressourcen- und Einflussverteilungen oder einer generellen Demokratisierung von Innovationsprozessen resultiert. Pointiert formuliert: Offener Code alleine mündet noch nicht in offenen Gesellschaftsstrukturen.

Der ungefilterte Übertrag der Vorstellung einer ›commons-based peer production‹ in Reinform, die sich auch in Open-Source-Communitys nur selten aufspüren lässt, auf angrenzende sozioökonomische Bereiche (z.B. Rifkin 2014) oder gesellschaftspolitische Felder (z.B. Bennett et al. 2014) bleibt insofern bestenfalls irreführend. Schlechtestenfalls überdecken entsprechende Narrative indes mit der digitalen Rekon guration der Gesellschaft einhergehende Entwicklungstendenzen, die dem Ideal einer offeneren und demokratischeren Wirtschaftswelt entgegenstehen – etwa eine schleichende Erosion »des historisch gewachsenen Systems der Regulation von Arbeit« (Boes et al. 2014, S. 71), die Einschränkung fundamentaler Verbraucherrechte durch die Nutzungsbedingungen vieler Onlinedienste oder eine medienhistorisch singuläre globale Anbieterkonzentration auf dem Feld der kommunikationstechnischen Infrastrukturen […].

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