Querverweis: Fatale Allianzen (Richard Münch)

28. Mai 2016

Im Blog der Deutschen Gesellschaft für Soziologie erscheint derzeit ein Gastbeitrag von Richard Münch in zwei Teilen, der sich mit »Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus« nach US-amerikanischem Vorbild beschäftigt:

»Es ist […] leicht möglich, dass nicht die Vorteile des globalen Modells mit den Vorteilen der eigenen Strukturen verbunden werden, sondern Nachteile des neuen mit den Nachteilen des alten eine fatale Allianz eingehen. In Deutschland zeigen sich deutliche Merkmale einer solchen fatalen Allianz. Die exorbitant gewachsene Stratifikation des amerikanischen Hochschulsystems mit der Errichtung eines Oligopols der privaten Elite-Universitäten, einem sich verschärfenden Gegensatz von akademischem Kapital und akademischer Arbeit und einer wachsende Entmachtung der Fakultäten […] durch ein übermächtig gewordenes Hochschulmanagement […] verbindet sich mit der feudalen Tradition der deutschen Lehrstuhlstrukturen. Zugleich erodieren die Vorteile eines Hochschulsystems, das bewusst auf die Bildung einer […] von der breiten Masse abgesetzten Elite verzichtet, horizontal breit ausdifferenziert ist und durch den föderalen Pluralismus ausgeprägt multipolar ohne Zentrum/Peripherie-Differenzierung strukturiert ist.«

Dabei hebt Münch drei Entwicklungstrends hervor, die er als besonders fatal bewertet und mit Verweisen auf den professionellen Fußballbetrieb eingängig illustriert:

»›Brain gain‹ für wenige auf Kosten des ›brain drains‹ für viele«

»[…] So wie sich der FC Barcelona einen Messi, einen Neymar und einen Suarez, Real Madrid einen Ronaldo, einen Bale und einen Benzema und Bayern München einen Lewandowski, einen Müller, einen Ribéry (+ Costa) und einen Robben (+ Coman) mit Ablösesummen bis zu 100 Millionen Euro und Gehältern bis zu 25 Millionen Euro pro Jahr im Sturm leisten können, so können auch Harvard & Co. jede/n Spitzenwissenschaftler*in einkaufen und damit sicherstellen, dass sie bei der Vergabe der Nobelpreise erfolgreicher als alle anderen Universitäten abschneiden. In diesem sehr einseitigen Sinn schießt Geld dann doch Tore, nämlich nur für diejenigen, die genug davon haben. […]«

»Ein sich verschärfender Gegensatz von Kapital und Arbeit im akademischen Betrieb und das Entstehen eines neuen akademischen Proletariats«

»[…] Das ist dasselbe, wie wenn man behaupten würde, dass es tatsächlich besser für den Fußball weltweit ist, wenn Weltklassespieler die meiste Zeit gar nicht spielen, sondern in Barcelona, Madrid oder München auf der Reservebank sitzen. Mit Sicherheit würde der Fußball davon profitieren, wenn diese Weltklassespieler anderswo auf dem Feld stehen und das Spiel bereichern würden. Dasselbe gilt für die Verteilung von Spitzenwissenschaftler*innen auf Universitäten. Das ist so, weil es auch in der Wissenschaft eine optimale Größe gibt, jenseits derer jeder weitere investierte Euro dem Gesetz des sinkenden Grenznutzens unterworfen ist. Die Götzes auf der Reservebank des FC Bayern München sind in der Wissenschaft die zahllosen sogenannten ›Nachwuchskräfte‹, die im Monopoly-Spiel um größtmögliche Sichtbarkeit auf Projektstellen ohne echte Karrierechancen in entfremdeter Arbeit ausgebeutet werden. […]«

»Verdrängung der freien Forschung und der akademischen Persönlichkeitsbildung durch strategische Forschungsallianzen und Humankapital-Produktion.«

»[…] Wie der Kapitalismus den Fußball als Sport erledigt und durch ein Milliarden-Spiel ersetzt hat, so ist auch der freie Wettbewerb um Erkenntnisfortschritt unter Bedingungen der Chancengleichheit einer idealen Sprechsituation in der Wissenschaft ein Opfer des Milliarden-Spiels des akademischen Shareholder-Kapitalismus geworden. […] Deutschland gibt mit der Exzellenzinitiative einen in der breiteren Gewährleistung von hoher akademischer Qualität als öffentlichem Gut und in dem Verzicht auf gezielte Elitenbildung liegenden institutionellen Vorteil auf, dem es seine einzigartige intellektuelle, wissenschaftliche, technologische und wirtschaftliche Innovationskraft verdankt. Ein weiterer institutioneller Vorteil Deutschlands ist der föderale Pluralismus, der einer eintönigen Stratifikation in Elite und Masse, Zentrum und Peripherie weichen muss.«

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