Habermas und das Internet

3. August 2012

Aus: Wiederkehrende Erwartungen (Amazon |Fachverlag Werner Hülsbusch).

Bereits in der Gründerzeit des Web erhofften sich Netzutopisten eine »Verwirklichung der normativen Ansprüche des liberalen Öffentlichkeitsmodells nach Habermas« (Neuberger 2004: 15), da nun alle Onliner gleichberechtigten Zugang zu einer Öffentlichkeitssphäre hätten, in der jedes Thema diskutiert werden könne bzw. nur der sanfte Zwang des besseren Arguments zähle (z.B. Buchstein 1997; Poster 1997) – und zahlreiche Stimmen bemühten sich zugleich, diese Vorstellungen als idealistisch zu dekuvrieren (z.B. Dean 2003; Jarren 1998). Dessen ungeachtet flammten im Diskurs um das ›Web 2.0‹ ähnliche Hoffnungen erneut auf (z.B. Münker 2009; Bevc 2011).

Jürgen Habermas selbst meldete sich zu dem Themenkomplex Internet und Öffentlichkeit erstmals 2006 ausführlich – und durchaus kritisch – zu Wort:

»Die Nutzung des Internets hat die Kommunikationszusammenhänge zugleich erweitert und fragmentiert. Deshalb übt das Internet zwar eine subversive Wirkung auf autoritäre Öffentlichkeitsregime aus. Aber die horizontale und entformalisierte Vernetzung der Kommunikationen schwächt zugleich die Errungenschaften traditioneller Öffentlichkeiten. Diese bündeln nämlich innerhalb politischer Gemeinschaften die Aufmerksamkeit eines anonymen und zerstreuten Publikums für ausgewählte Mitteilungen, sodass sich die Bürger zur gleichen Zeit mit denselben kritisch gefilterten Themen und Beiträgen befassen können. Der begrüßenswerte Zuwachs an Egalitarismus […] wird mit der Dezentrierung der Zugänge zu unredigierten Beiträgen bezahlt.« (Habermas 2006: 4)

In seinem Buch Ach, Europa arbeitete Habermas (2008: 161) diese Überlegungen weiter aus und kam dabei zu folgendem Schluss:

»Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.«

Seine Diagnosen stießen in der Blogosphäre mithin auf wenig Gegenliebe. So notierte z.B. Meyer-Lucht (2008): »Habermas kapituliert […] vor der Aufgabe, seine deliberativen Öffentlichkeitsmodelle an das Internetzeitalter anzupassen«, und Jarchow (2008) charakterisierte den Philosophen als Gestrigen in einer »Zwei-Welten-Situation«, in der »die Teilnehmer der neuen Medien sich längst wie die Fische im hierarchiearmen Wasser tummeln und sich fallweise dort zu Schwärmen zusammentun, während die altmedialen Nichtschwimmer […] sich an alte Plattformen und Gewissheiten klammern«. […]

Siehe auch: »Heute ist die Zukunft von gestern VI: Enzensberger vs. Enzensberger«; »Luhmann vor dem World Wide Web«

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Ein Kommentar zu “Habermas und das Internet”

  1. Peter says:

    Schöner kleiner Abschnitt!

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