»Das Web hat sich schneller als andere Medien ausgebreitet« — ein Mythos?

8. August 2011

Norbert Elias hat dem Sozialwissenschaftler in »Was ist Soziologie?« (1970) einst die Funktion eines »Mythenjägers« zugesprochen und auch in der modernen Informationsgesellschaft durchkreuzen noch immer zahlreiche Legenden die Öffentlichkeit, die hinterfragenswert erscheinen – darunter die Erzählung, dass sich das Internet schneller ausgebreitet hat als alle Medien je zuvor (siehe etwa hier). Und tatsächlich: Während z.B. in den USA das Radio nach 20 Jahren Marktpräsenz 99 Mio. Nutzer und das Fernsehen deren 160 Mio. verzeichnen konnte, wird das Web bis Ende 2011 rund 250 Mio. US-Amerikaner erreichen.

Der norwegische Informatik-Dozent Gisle Hannemyr stellte allerdings schon 2003 in einem Artikel fest, dass an dieser einfachen Rechnung vieles nicht stimmt: Einerseits sollte zwecks Vergleichbarkeit darauf geachtet werden, dass der Startpunkt der Verbreitungskurven für jedes Medium eine ähnliche Ausgangssituation beschreibt, und andererseits müsste die Bevölkerungsentwicklung mit in die Berechnung mit einbezogen werden. Wird beides getan, kommt folgende Grafik heraus (die Hannemyrs Daten um aktuellere Nutzer- und Bevölkerungszahlen ergänzt):

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Nach Hannemyrs Manier berechnet, breitet sich das Internet also keineswegs schneller aus, als andere Medien wie z.B. das Radio, denn zwischen 1920 und 1940 knapp 100 Millionen Amerikaner zu erreichen, stellt bei bei einer US-Bevölkerung rund 130 Millionen (1940) eine andere Leistung dar, als diese Nutzerzahl bei einer Gesamtbevölkerung von über 300 Millionen (2009) zu erreichen.

Warum aber lässt Hannemyr die Verbreitung des Internet 1989 beginnen und nicht wie allgemein üblich 1993 oder 1994? Zum einen starteten 1989 – also vor der Erfindung des World Wide Web – die ersten kommerziellen Internet bzw. Online Service Provider (»the Internet was reinterpreted from a research vehicle into an open and public infrastructure for information interchange«) und eine vergleichbare kommerzielle Nutzung des Radios bzw. des Fernsehens begann in den USA eben 1920 bzw. 1945. Zum anderen gab es in den USA schon 1989 rund 400.000 Internetnutzer (die Kunden der Netze von America Online und CompuServe nicht mit einberechnet). Würde man also die Diffusionskurve für das Internet in den USA erst 1994 beginnen lassen, besäße das neue Medium einen Startvorteil von rund 6 Mio. Nutzern.

Anhand der von Hannemyr (2003) zusammengestellten und hier aktualisierten sowie etwas expliziter aufgelisteten Daten lässt sich die scheinbar überdurchschnittlich rasche Ausbreitung des Internet in den USA also als Mythos kennzeichnen – und Europa wird es vermutlich ähnlich aussehen.

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Ein Kommentar zu “»Das Web hat sich schneller als andere Medien ausgebreitet« — ein Mythos?”

  1. […] vielen Fällen weitreichende Auswirkungen; in genauso vielen Fällen aber provozieren sie Beschreibungsmythen, übersteigerte Hoffnungen oder markerschütternde […]

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