Querverweis: »Schwundstufe des Analogen«
Jan-Felix Schrape | 21. April 2026Eine auch für sich genommen sehr anregende und aufschlussreiche Rezension zu dem Buch »Digitalisierung«* von Dirk Baecker findet sich auf Soziopolis. Darin stellt Sybille Krämer zentrale theoretische Problemstellungen der rezenten sozialwissenschaftlichen Digitalisierungsforschung heraus und kann sich hierbei den ein oder anderen Seitenhieb auf den ›Bau‹ der Systemtheorie nicht verkneifen:
»[…] In der Grammatik dieser Beschreibung fällt auf, dass Daten etwas zu machen scheinen, geradezu in eine Subjektposition einrücken. Dieser Eindruck ist intendiert und vollzieht einen rhetorischen Gestus des Buches nach, der zugleich auf ein Problem verweist. Die Eliminierung von Menschen, von Akteuren und ihrem mehr oder weniger von Verantwortung geprägtem Handeln wird der Systemtheorie notorisch attestiert und ist hinreichend kritisiert. Das braucht hier nicht erneut ausgeführt zu werden, auch wenn es auf diese Studie zutrifft. Auffallend aber ist, dass sich bis in die Grammatik hinein, wie ein Textunbewusstes etwas in die Position des rhetorischen Subjektes schiebt, mit der die Systemtheorie nichts zu schaffen hat. Und das sind hier eben die Daten […]. Es besteht kein Zweifel, dass die Digitalisierung als Datifizierung zu begreifen ist. Doch Daten werden gemacht, sie entstehen nicht von selbst. Das gilt auch dann, wenn prädiktive Algorithmen Daten synthetisch erzeugen und damit Originale und keine Plagiate hervorbringen.
[…] Der systemtheoretisch vorausgesetzte Abstand zwischen individueller Psyche beziehungsweise dem menschlichen Bewusstsein und der operativen Geschlossenheit von Gesellschaft und Technik, kann erklären, wie mit Chatbots eine Technologie entsteht, die kommuniziert, aber nicht denkt oder versteht, weil sie mit Bewusstsein nichts zu schaffen hat. Die Rezensentin hat immer schon überlegt – oder war es eher ein Hadern? – dass sie sich philosophisch eher Habermas‘ und nicht Luhmanns Kommunikationstheorie verpflichtet fühlte. Aber nun, wo Chatbots einen Gutteil der Kommunikation realisieren, sind wir mit Luhmanns methodischen Instrumentarium viel besser davor gefeit, den Verführungen anthropomorpher Überwältigungsvorstellungen zu widerstehen, kraft derer Maschinen generelle menschliche Intelligenz zugesprochen wird.
[…] Diese Herauslösung aus dem anthropomorphen Schema stillt die Zweifel derer, die in dem Computer und erst recht in der Künstlichen Intelligenz einen Angriff auf die menschliche Geisteskompetenz vermuten. Baeckers Buch propagiert ein diverses Intelligenzkonzept, das menschliche und maschinelle Intelligenz als andersartige Gegebenheiten begreifen lässt […]. Damit ist der Bann gebrochen, der Intelligenz (egal ob kognitiv, emotional, sozial) zum Privileg des Menschen stilisiert und dabei zumeist großzügig übersieht, dass die menschliche Unvernunft (vielleicht sogar: Dummheit) im Umgang mit maschineller Intelligenz unser Schicksal und vielleicht auch Unglück ist. Dass jedenfalls eine neue, eine digitale Aufklärung von der Anerkennung einer Diversität der Intelligenzkonzepte über den Menschen hinaus auszugehen hat, ist eine der grundlegenden Einsichten dieser Studie.
[…] Da die übliche Hypostasierung von Berechenbarkeit qua Computereinsatz durch den das Vorhersagbare beständig unterminierenden, mitlaufenden Zufall konterkariert wird, kann die
Digitalisierungnur als durchgestrichenes, also das Analoge beständig mitführendes Phänomen beschrieben werden. […] Die konsequente Verbindung der Digitalisierung mit dem Analogen, die das Digitale als eine Schwundstufe des Analogen charakterisiert, ist eine überraschende Einsicht innerhalb der vielstimmigen Debatte über computergenerierte Digitalität. Dokumentiert wird damit, dass ein systemtheoretischer Ansatz das Innovationspotenzial birgt, neue Aspekte der Gegenwart offenzulegen. Der Sprachgestus des Buches ist schwierig, nicht selten auch kryptisch: ›Das Gesetz, unter dem die Maschinenlernmodelle stehen, ist das Gesetz des Lernens‹ (S. 76); ›Form [ist] die einzelne Mitteilung, die einschließt, was sie einschließt, und ausschließt, was sie ausschließt.‹ (S. 36)Die systemtheoretischen Prämissen ein Stück weit zu teilen, kann bei der Lektüre nicht schaden. Eine Verbindung zur Empirie der realen Phänomene der Digitalisierung, seien es individuelle oder soziale, wird nicht angestrebt und auf Fragen der Macht sowie der Ethik beziehungsweise Verantwortung wird weitgehend verzichtet. […] Anders als die technische Differenz zwischen beiden im Sinne von diskreten (= digitalen) und kontinuierlichen (= analogen) Formaten es suggeriert, artikuliert das Analoge in diesem Buch eine Weltverfassung, in der Widerständigkeit und Unberechenbarkeit die Grundkomponenten bilden. Die Digitalisierung und ihre Begleitillusion der Berechenbarkeit setzt diese Eigenschaften der analogen Welt nicht etwa außer Kraft und überwindet sie, im Gegenteil: Sie befördert und radikalisiert diese.«
* Der Titel »Digitalisierung« könnte durchaus auch als Aufforderung verstanden werden, sich allmählich dieses unscharfen und überbelegten Begriffs in der soziologischen Analyse der digitalen Transformation der Gesellschaft zu entledigen (selbst wenn es der Autor in diesem Fall nicht so gemeint haben sollte).














