»The 2028 global intelligence crisis« – eine kurze techniksoziologische Einordnung

Jan-Felix Schrape | 25. Februar 2026

Vorderhand plausible potenzielle Technikzukünfte können weitreichende Effekte auf die Gegenwart haben – das zeigt sich jüngst erneut am Beispiel eines Blog-Posts von Citrini Research. Der Post ist überschrieben mit »The 2028 global intelligence crisis« und entwirft eine nahe Zukunft, in der (generative) künstliche Intelligenz die meisten Arbeitsaufgaben der ›Mittelschicht‹ übernimmt, was in Massenentlassungen, einer disruptiv kollabierenden Konsumwirtschaft und gleichzeitig rekordverdächtigen Unternehmensgewinnen resultieren soll. Kurz: Wirtschaftsunternehmen investieren laut diesem Post 2028 nicht mehr in Angestellte, sondern in KI-Technik. Prompt gingen die Aktien von Softwareanbietern, Zahlungsdienstleistern und weiteren Service-Anbietern an den globalen Finanzmärkten auf Talfahrt.

Der Post ist allerdings explizit als »scenario, not a prediction« markiert. Er ist im Stil eines What-if-Reports aus dem Juni 2028 verfasst, verarbeitet nahezu alle derzeit flottierenden KI-Narrative und bietet insofern einen umfassenden Überblick über gängige Zuschreibungen an intelligente Technologie. Er kommt zu folgendem dystopischen Resümee:

»Human intelligence derived its inherent premium from its scarcity. Every institution in our economy, from the labor market to the mortgage market to the tax code, was designed for a world in which that assumption held.

We are now experiencing the unwind of that premium. Machine intelligence is now a competent and rapidly improving substitute for human intelligence across a growing range of tasks. The financial system, optimized over decades for a world of scarce human minds, is repricing. That repricing is painful, disorderly, and far from complete.

But repricing is not the same as collapse. The economy can find a new equilibrium. Getting there is one of the few tasks left that only humans can do. We need to do it correctly. This is the first time in history the most productive asset in the economy has produced fewer, not more, jobs. Nobody’s framework fits, because none were designed for a world where the scarce input became abundant. So we have to make new frameworks. Whether we build them in time is the only question that matters.«

Aus techniksoziologischer Langfristperspektive verweist dieser Blog-Post bzw. die daraus resultierende öffentliche Aufregung zum einen auf die tiefgreifende gesellschaftliche Verunsicherung (oder anders gesagt: die Gleichzeitigkeit von Faszination und Unbehagen), die jeden fundamentalen soziotechnischen Umbruch seit der Frühen Neuzeit begleitet hat. In der Phase der Hochindustrialisierung und der damit einhergehenden Rekonfiguration sozioökonomischer Ordnungsmuster beispielsweise schlugen sich die damit verbundenen Verheißungen in einem besonderen Maße in der expressionistischen Malerei und Lyrik wie auch in unzähligen Zeitungsberichten aus dieser Zeit nieder (Schrape 2021: 9f.); im Verlauf der Computerisierung bzw. der längerfristigen digitalen Transformation durchzogen seit den 1950er-Jahren immer wieder weit ausgeworfene Zukunftserwartungen den öffentlichen wie sozialwissenschaftlichen Diskurs – auch und gerade zu den Potenzialen ›künstlicher Intelligenz‹ (Schrape 2025: 43–63; 117–136).

Dabei kommt ein Paradoxon zum Tragen, das bereits Marshall McLuhan (1968: 364) mit Blick auf den Medienwandel im 20. Jahrhundert aufzeigt hat: Einerseits ist »jede Generation, die am Rande einer gewaltigen Wandlung steht, […] von der Kraft der neuen Technik hypnotisiert« und nicht in der Lage, ihre Effekte mit kritischer Distanz zu reflektieren. Andererseits birgt jeder Umbruch einen Moment der Klarheit darüber, wie grundlegend die Gesellschaft durch Technik an sich geprägt ist. In dieser Hinsicht hat der Technikhistoriker Melvin Kranzberg (1986) früh darauf hingewiesen, dass derartige Hoffnungen und Befürchtungen regelmäßig situativ hervortretende Tendenzen in der gesellschaftlichen Indienstnahme von Technik überbetonen, die vielfältigen Interaktionen zwischen politischen, ökonomischen, rechtlichen und soziokulturellen Adaptions- und Aneignungsdynamiken unterschätzen – und neue Technikformen auf lange Sicht meist zu vollkommen anderen Zwecken eingesetzt werden als zunächst angenommen.

Zum anderen reihen sich entsprechende Szenarien in eine wiederkehrende Flut von übersteigerten Zuschreibungen an die Handlungspotenziale von technischen Lösungen ein, die in jeder Phase der Automatisierung die Gesellschaft durchzogen haben (und in vielen Fällen allenfalls mit rudimentären Kenntnissen über die tatsächlichen technischen Potenziale formuliert wurden). Zweifelsohne stellt die Übernahme vieler kognitiver (Routine-)Leistungen durch generative KI nach der Automatisierung körperlicher Arbeit sowie der allgemeinen Informatisierung eine neue Stufe in der Rekonfiguration des Verschränkungszusammenhangs von Technik und Gesellschaft dar, deren komplette Tragweite sich jenseits von Zeitdiagnosen freilich erst im Nachhinein bestimmen lassen wird. Durchaus möglich bleibt es allerdings, auf regelmäßig auftretende Fehleinschätzungen und übersteigerte Mythen hinzuweisen.

Das betrifft insbesondere die Angst vor einer kommenden Massenarbeitslosigkeit durch technische Innovationen, die seit dem Einsatz der ersten mechanischen Apparate und Maschinen beständig reformuliert werden. Mit Blick auf die frühe Digitalisierung titelte beispielsweise Der Spiegel bereits 1978: »Die Computer-Revolution: Fortschitt macht arbeitslos«. Und das Autorengespann Müller/Prüfer gab schon 1991 im Harvard Business Manager zu bedenken:

»Wie bei den zurückliegenden Kontroversen um den ›Computer als Jobkiller‹ besteht die Gefahr, daß aus Unwissenheit, Vorurteil und Angst die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen der neuen Technologie mißverstanden werden. Daher gilt es, rechtzeitig dafür zu sorgen, daß weder eine einseitig anthroposophische noch eine überzogen technikfetischistische Argumentation die Oberhand gewinnt.«

In der Tat führten Technikumbrüche regelmäßig zu einer umfassenden Neuverteilung von Arbeit: So gingen mit der industriellen Maschinisierung zahlreiche Arbeitsplätze im Handwerk verloren; mit der Automatisierung vieler Produktionsprozesse in der Industrie sank später wiederum deren Anteil an der Gesamtbeschäftigung. Gleichzeitig entstanden aber auch zahlreiche neue Berufsfelder, so etwa im Marketing-, Medien- und IT-Bereich (bzw. in der Softwarebranche, die in dem Citrini-Szenario nun wieder zur Disposition stehen). Viele der mit der Technisierung verschwundenen Berufe würden heute indes wohl nur noch wenige Menschen gerne ausüben – man denke nur an die Kohlentrimmer auf Dampfschiffen oder das Personal an Autobahn-Mautstellen.

Seit den ersten mechanischen Apparaten unterliegen körperliche Arbeiten der Technisierung (in Anlehnung an Citrini formuliert: ›the premium of human physical has narrowed‹) und seit der Verbreitung massenkompatibler ›künstlicher Intelligenz‹ sind davon auch kognitive (Routine-)Leistungen betroffen – sofern der Technikeinsatz günstiger erscheint als menschliche Arbeitskraft. Welchen weiteren Verlauf der soziotechnische Wandel um intelligente Technik nehmen wird und welche Folgen damit für die soziale Ordnung einhergehen, ist aus techniksoziologischer Sicht allerdings weniger eine Frage der technischen Kapazitäten, sondern vor allem eine Frage des gesellschaftlichen Umgangs damit. Die gegenwärtige Phase der Innovation und Diffusion, in der sich Schritt für Schritt neue Muster der Techniknutzung und der ökonomischen Verwertung um autonom operierende Technik verfestigen, geht wie im Falle früherer Umbrüche mit mannigfaltigen Aushandlungsprozessen einher, in denen sich die Gesellschaft erst schrittweise und allmählich über die Ambivalenzen der neuen Möglichkeitsräume bewusst wird. Zu diesen Aushandlungen gehört fraglos auch die Diskussion von Zukunftszenarien wie »The 2028 global intelligence crisis« – die jedoch weit mehr über die gegenwärtige Gesellschaft aussagen als über das, was die Zukunft bringen wird.