Renate Mayntz über wissenschaftliches Schreiben

26. Mai 2020

Auf Soziopolis findet sich ein sehr gelungenes Interview mit Renate Mayntz, die nunmehr auf fast 70 Jahre soziologische Forschung zurückblicken kann. In diesem Interview geht es um den oft überaus langwierigen Prozess des wissenschaftlichen Schreibens sowie grundsätzliche Problemstellungen der sozialwissenschaftlichen Beobachtung und Analyse. Nachfolgend einige Einsichten von Renate Mayntz …

… zum Prozess des Schreibens

»Im Wesentlichen sind es aktuelle Ereignisse, die mein Interesse für bestimmte Themen und Fragen wecken. […] Am Anfang stehen eher Hauptgedanken, Perspektiven. Die halte ich natürlich fest. Aber im Prozess des Schreibens stellen sie sich oft als eine Fehlinterpretation oder so was in der Art heraus – dann schreibe ich den Text neu und völlig anders. […] Und jetzt, im fortgeschrittenen Alter, denke ich manchmal, dass es sich nicht mehr lohnt, gewisse Dinge aufzuschreiben. Es ist gut, wenn ich dieses oder jenes mal durchdacht habe, doch muss es nicht unbedingt festgehalten oder gar veröffentlicht werden

… über Methode und Ontologie

»Auf der einen Seite stehen Sozialwissenschaftler, die versuchen, zu generalisieren – natürlich aus einer bestimmten theoretischen Perspektive. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die Generalisierungen kritisieren und behaupten: ›Wir können Ereignisse überhaupt nur beschreiben‹. Noch ein weiterer Punkt kommt hinzu […]. Er betrifft den Unterschied zwischen Methode und Ontologie. […] Auf der einen Seite operieren wir mit Begriffen, andererseits beziehen viele Begriffe sich gar nicht mehr auf eine direkt erfahrbare Realität. Es gibt viele Sozialwissenschaftler, die sich im Grunde genommen nur auf der konzeptuellen Ebene bewegen und sich gar nicht mehr fragen, welche Realität eigentlich angesprochen wird, wenn sie bestimmte Begriffe benutzen

… über den Stellenwert des Schreibens in den Sozialwissenschaften

»Zunächst ist es natürlich für die Karriere von Relevanz. […] Der Schreibzwang, der dadurch entsteht und dem ich mich nun schon seit einiger Zeit nicht mehr unterworfen fühle, ist sehr stark […]. Auf der anderen Seite ist das Geschriebene immer auch eine Art Rohmaterial, mit dem andere sich beschäftigen und worauf man reagieren muss. […] Damit geht Geschriebenes sofort wieder in den Wissenschaftsprozess ein, egal, ob es bestätigt oder beanstandet wird. Besonders produktiv ist dieses Rohmaterial selbstverständlich, wenn es nicht in Grund und Boden kritisiert wird. Diese Art der Kritik ist nicht gut und für gewöhnlich wenig hilfreich. Viel eher funktioniert Kritik in Form einer gewissen Abweichung, das heißt, wenn etwa bestimmte Aspekte gestärkt oder neue Akzente hervorgehoben werden. Was man publiziert hat, ist also für das Publizieren anderer Kollegen wichtig, aber auch als Humus für die eigene Produktion


Kurz notiert: Luhmann@Risiko

3. Mai 2020

In einem Interview aus dem Jahr 1989 (im Video ab ca. Min. 35.44) äußerte sich Niklas Luhmann wie folgt zu (politischen) Entscheidungen in Risikosituationen:

»In welches Funktionssystem man immer schaut, die Probleme des Risikos nehmen eine andere Färbung an – aber letztlich geht alle darauf zurück, dass wir sehr viel mehr entscheiden, sehr viel mehr bewirken und damit eine sehr viel unsicherere Zukunft erzeugen können.

Ich stelle mir vor, dass in der momentanen Situation doch die Frage immer wieder auf die Politik zuläuft und dass wir den liberalen Verfassungsstaat ebenso wie den sozialen Wohlfahrtsstaat unter ganz neue politische Anforderungen stellen, wenn wir sagen: Ihr müsst zwischen notwendigen Risiken und Betroffenheiten balancieren und sozusagen das Risiko einer politischen Entscheidung übernehmen, dem einen weh zu tun oder dem anderen – aber nicht gleichsam das Volkswohl insgesamt anzuheben und allen etwas Gutes zu tun.

Das ist eine andere Situation als die Freiheitskonzepte des liberalen Verfassungsstaates, die davon immer ausgingen, dass man frei handeln könne ohne anderen zu schaden – diesen Fall gibt es nicht, die ganze Prämisse des liberalen Verfassungsstaates ist weg, das gibt es unter Risikoaspekten nicht: Immer schadet möglicherweise ein Verhalten anderen. Und auch der Wohlfahrtsstaat, in dem es einfach immer nur um die Verteilung von guten Dingen ging, ist irreal angesichts der Risikosituation. Das heißt nicht, dass diese Einrichtungen abgeschafft werden könnten, aber es kommen neue Probleme auf die Politik zu und es ist ein Test für Demokratie in gewisser Weise, ob wir das schaffen.«

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