Heute ist die Zukunft von Gestern XVIII: Telefonzeitungen

2. Februar 2015

1920 nahm der erste kommerzielle Hörfunksender in Pittsburgh seinen Betrieb auf; 1924 fand die erste Rundfunkausstellung in Hamburg statt. Wireless hatte gewonnen (siehe diesbezüglich für eine unterhaltsame Darstellung der Verquickung von technischer Innovation und gesellschaftlicher Selektion den Roman »Thunderstruck«).

Aber auch schon bevor sich das Radio durchgesetzt hatte gab es kommerzielle Angebote, die Nachrichten, Unterhaltung sowie Musik- und Sportevents by wire in die heimischen Wände brachten, welche allerdings – wie Carolyn Marvin in einem Überblicksartikel darstellt – nicht massenmedialen Programmstrukturen folgten, sondern eher mit On-Demand-Services vergleichbar waren:

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via earlyradiohistory.us

  • Ab 1890 bot in Frankreich die Compagnie du Théâtrophone einem technisch begrenzten Hörerkreis von mehreren hundert Personen vornehmlich in Hotels die Übertragung von Musik-, Theater- und Opernaufführungen sowie Nachrichten via Telefonleitung an. Die Kosten lagen zu Anfang bei 50 Centimes für 5 Minuten. Ein vergleichbarer Dienst wurde 1895 auch in England installiert.
  • 1893 startete in Budapest als erste reine Telefonzeitung der Telefon Hírmondó, welcher zwischen 1896 und 1917 mehr als 6000 Abonnenten per Telefonleitung mit politischen bzw. wirtschaftlichen Nachrichten und Konzertübertragungen versorgte und einen Mitarbeiterstab von ca. 150 Personen beschäftigte.
  • 1911 wurde auf der technischen Basis des Telefon Hírmondó in New Jersey der Telephone Herald gegründet, der bis 1912 über 1000 Subscriber (1.50 $/Monat) erreichte, aber bald in finanzielle Schwierigkeiten geriet und eingestellt wurde.

Marvin (1999: 70) vermutet, dass die Mediengeschichte wohl einen anderen (und langsameren) Verlauf genommen hätte, wenn die kabellose Radioübertragung später erfunden worden wäre und sich die News- und Musikübertragung ›per Telefon‹ dieser Konkurrenz zunächst nicht hätte stellen müssen:

»If historical events had occurred in a different order and wire diffusion had been left unchallenged to develop at its own pace, that pace might have been a slow one. Though a combination of technical and economical constraints, wire diffusion might have evolved to suit the needs and interests of privileged minorities, filtering down only gradually to a wider population. By making the delivery of content cheaper and more democratic, wireless communication made mass audiences possible for electric media, and accelerated the programming of all kinds.«

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