»Fair bleiben, Freunde, klaut nix im Internet« (!?)

19. April 2011

Vor 30 Jahren wurde die Compact Disc auf der Funkausstellung in Berlin durch Sony und Philips das erste Mal öffentlich vorgestellt. Auch am mp3-Format wurde an der Universität Erlangen-Nürnberg und am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen ab 1982 gearbeitet, aber es sollte erst Ende der 1990er Jahre zu einem ernsthaften Einflussfaktor in der Musikbranche werden. Trotzdem lässt sich heute rückblickend formulieren: Schon die CD läutete die digitale Ära und damit auch das Zeitalter der verlustfreien Kopien ein – auch wenn Raubkopien nicht erst ein Phänomen der letzten 15-20 Jahre sind (vgl. Abb.).

Notiz auf der Innenhülle einer UK-Schallplatte 1983 (via Wiki Commons)

Notiz auf der Innenhülle einer UK-Schallplatte 1983 (via Wiki Commons)

Heute sind die wirtschaftlichen Folgen von illegalen Raubkopien jedoch ungleich größer (vgl. eine aktuelle Studie der internationalen Handelskammer), was sich auch an den Umsatzzahlen des Bundesverbandes der deutschen Musikindustrie zeigen lässt: 2010 wurden in der BRD 115 Mio. CDs und andere physische Tonträger verkauft, während  77,7 Mio. digitale Units (Tracks, Album-Bundles, Klingeltöne etc.) abgesetzt wurden. Gleichzeitig wurden aber laut der GfK-Brennerstudie 2010 im Jahr zuvor 258 Millionen Stücke illegal heruntergeladen, was die Musikindustrie u.a. dazu bringt, Panik-Paten wie Udo Lindenberg Statements wie dieses abzuringen: »Fair bleiben, Freunde, klaut nix im Internet. Die kommenden Kids müssen ja auch von irgendwas leben, ja? Abgemacht?«

Ob solche Kampagnen oder »Raubkopierer sind Verbrecher«-Spots in Kino, Funk und Fernsehen die illegalen Musik-Downloads längerfristig tatsächlich auf ein wirtschaftlich verträgliches Maß reduzieren können, bleibt indes ebenso fraglich wie eine schnelle übergreifende Einigung in Sachen Kulturflatrate. In der Retrospektive zeigt sich allerdings, dass sich die Musikindustrie die gegenwärtige Krise zu einem nicht unerheblichen Teil selbst eingebrockt hat, da die etablierten Unternehmen schlicht viel zu träge auf die technologischen Veränderungen reagiert haben. Wie es dazu kam, zeigt Ulrich Dolata in seinem gerade erschienen Discussion Paper »The Music Industry and the Internet: A Decade of Disruptive and Uncontrolled Sectoral Change«:

»Die Rekonstruktion des technikgetriebenen Wandels der Musikindustrie zeigt, dass die wesentlichen Impulse der Restrukturierung von den Rändern des Sektors beziehungsweise von sektorexternen Akteuren ausgingen – und nicht von den etablierten Musikkonzernen. Diese haben die neuen technologischen Herausforderungen sehr zögerlich aufgenommen, darauf zunächst vor allem mit Blockadehaltungen und Eindämmungsstrategien reagiert und erst vor dem Hintergrund eines massiven und unabweisbaren Veränderungsdrucks damit begonnen, sich strategisch neu zu positionieren.«

2 Kommentare zu “»Fair bleiben, Freunde, klaut nix im Internet« (!?)”

  1. […] Einmal angenommen, dass eine Abfrage der Mediennutzung nach Selbsteinschätzung die tatsächlichen Gegebenheiten adäquat darstellen kann, spricht die vorliegende GfK-Studie dafür, dass der Anteil an regelmäßigen illegalen Downloadern in der BRD relativ gering ist, diese ›Illegalen‹ aber äussert viele Inhalte herunterladen. Es kann also kaum pauschal die Rede davon sein, dass »die Deutschen« online klauen, was das Zeug hält: Der hohe Anteil an illegalen Downloads in den verschiedenen Mediensparten wird von einem relativ kleinen Bevölkerungsteil generiert (vgl. weitergehend: »Fair bleiben, Freunde, klaut nix im Internet«). […]

  2. […] die Musikindustrie mit Blick auf das noch immer weit verbreitete Filesharing (früher: home taping) neuen Kampfesmut: »Pirate services are clunky and old-fashioned compared to the legal services […]

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