Street View in der Global Village

22. August 2010

Mit Rekurs auf Luhmanns Informationsbegriff weist Jörg Räwel in Telepolis auf die Paradoxien hin, die mit einem Einspruch und der damit verknüpften Unkenntlichmachung der Gebäude bei Google Street View verbunden sind:

“Da von einem vergleichsweise kleinen Personenkreis auszugehen ist, der Häuserfassaden oder Grundstücke verblenden lässt, werden die – also vereinzelten – Verpixelungen beim Betrachten der Strassenpanoramen gewissermassen ins Auge springen. Es sind also gerade durch die Löschung verursachte Unterschiede (zu unverpixelten Immobilien), die informative Unterschiede erzeugen. Es darf dann mit Blick auf die hervorstechenden “Löschungen” vermutet werden: Der Bewohner dieses Hauses/Grundstücks ist sicher ein Googlekritiker, scheint von Datenmissbrauchsphobie befallen zu sein, hat was zu verbergen (Gibt es wohl Wertsachen in Haus?), scheint auf seinem Grundstück ein ziemliches Chaos zu haben […]. Entgegen naiver Überzeugung und dann paradoxer Weise werden mit dem Löschen (Verblenden, Verpixeln) von Daten keine Daten vernichtet, sondern werden vielmehr neue Daten erzeugt.”

Diese Beschreibungen gelten aber nicht nur für Abbildungen im digitalen Nexus, sondern ebenso in der Offline-Welt: Sobald ein Hausbesitzer eine große Mauer um sein Anwesen baut, provoziert er Neugierde und Aufmerksamkeit, d.h. er steigert die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sein Haus für kriminelle Machenschaften interessant wird, obwohl oder gerade weil er etwas verbirgt. Dies gilt zumindest in jeder durchschnittlichen deutschen Stadt.

In Windhoek (Namibia) hingegen ist beispielsweise eine Abschottung des Eigenheims mit entsprechender Sicherheitsanlage die Normalität (sobald man sich ein Haus leisten kann). In den entsprechenden Quartieren würde sich ein Hausbesitzer unterscheiden (und entsprechende Aufmerksamkeit erregen), der keine Sichtschutz- und Sicherheitsvorkehrungen trifft.

Wenn es also nicht üblich ist, die Bilder der Aussenfassaden seiner Wohnung oder seines Hauses in Street View zu verschlüsseln, fällt jede Verpixelung natürlich auf. Eine zu diskutierende Lösung wäre es folglich, zunächst einmal alle Privat-Immobilien zu Verpixeln und auf Anfrage “klar” zu schalten.

Auf der anderen Seite deutet schon das Wort “Fassade” auf den Denkfehler hin, der Street View-Kritikern unterläuft: Die Aussenhaut eines Gebäudes ist ja geradezu dazu gemacht, gesehen zu werden. Und dass mannigfaltige Spielarten angewendet werden, um sich diesbezüglich bewusst von seinen Nachbarn zu unterscheiden, lässt sich etwa in den Stuttgarter Wohnbieten auf Halbhöhenlage bestens beobachten. Warum sollten diese Fassaden offline sichtbar sein und Online verpixelt werden?

Einerseits profitiert jeder Online-Nutzer von den effizienteren Kommunikationsweisen und den damit verbundenen schier unendlichen neuen Kommunikationsmöglichkeiten, die scheinbar so leicht und schnell erreichbar sind, wie früher die Kneipe im heimischen Dorf. Der Begriff “Global Village” trifft des Pudels Kern also zumindest teilweise. Andererseits aber sollen in dieser globalen digitalen Stadt nun die Fassaden der Häuser verhüllt werden?

Wer keine Daten zu seiner Person produzieren bzw. freigeben möchte, darf sich eigentlich kaum im World Wide Web bewegen, da jeder Mausklick protokolliert werden kann und viele Dienste nur sinnvoll nutzbar werden, wenn zumindest irgendeine digitale Identität angegeben wird. Wer an der vordigitalen Öffentlichkeit partizipieren wollte, wie sie etwa Sennett in ihrer Urform für das Ancien Régime beschrieben hat, musste – wie jeder Internetnutzer – heute damit leben, dass seine Mitmenschen registrieren, in welchen Gegenden er sich bewegt und was er in welchen Kneipen oder Cafè-Häusern macht. Wer in der Stadt bekannt war, musste damit rechnen, dass einzelne Mitmenschen hin und wieder wissen wollten, wie er denn so wohnt.

Vielmehr passiert heute auch nicht im Kontext von Street View: Wer sich unterscheidet (durch sein Verhalten, seine finanzielle Situation, die Fassade seines Hauses, seine Attitüde etc.) wird interessant für etwaige Beobachter. Wer vor der sozialen Wirklichkeitswerdung des Internets durch eine relevante Unterscheidung (z.B. durch ein protziges Haus) für das heimische Verbrechen interessant wurde, wird heute via Street View für international agierende kriminelle Organisationen interessant und muss ggf. entsprechende Vorsichtsmaßnahmen treffen.

So gesehen sind die Veränderungen durch Google Street View also nicht gravierend: Die Digitalmachung der Gebäudefassaden ist eine nahe liegende Konsequenz der kommunikationstechnischen Global Village, wobei McLuhan selbst später das Bild eines “globalen Theaters” präferierte. Ein drastischer Unterschied zu den öffentlichen Fassaden in der klassischen Stadt existiert dann aber doch: Bei entsprechendem Interesse kann sich jeder Spaziergänger die Gebäude und deren Fassaden auf gleiche eingehende Weise betrachten. Im Falle des privaten Unternehmens Google wissen wir hingegen nicht, welche Daten neben den Veröffentlichten noch in den Händen des Anbieters liegen.


Luhmann vor dem World Wide Web

10. August 2010

Luhmann, der theoretische “Antihumanist“, hat sich, das zeigen vor allen Dingen Interviews, auch mit den Auswirkungen computergestützter Kommunikation auf die Gesellschaft beschäftigt. Etwas gemein, aber hier ein paar Aussagen, die der Systemtheoretiker größtenteils vor der sozialen Wirklichkeitswerdung des Internets getroffen hat:

… zur Computerisierung der Gesellschaft (1992, aus dem Buch “Was tun, Herr Luhmann” [Kadmos 2009]): “In den ersten gedruckten Büchern wurde der Leser aufgefordert, selber zu antworten, seine eigenen Erfahrungen, etwa mit Kräutern, an den Autor des Buches weiterzugeben. Der Leser wurde sogar aufgefordert, selbst Bücher zu schreiben. […] Ich sehe keine Veränderungen von gesellschaftlicher Tragweite. Ich beobachte nur Veränderungsstückchen, neue Möglichkeiten in verschiedenen Hinsichten, […] nichts, was dem kulturellen Stoßeffekt der Schrift gleichkäme. […] Ich sehe keine Ausweitung von Möglichkeiten, die den Organisationsaufwand und den Formfindungsaufwand schwieriger machen. Es fällt ja auf, dass beispielsweise die Computerisierung in Firmen mit fast unveränderten Organisationsformen durchgeführt wird”.

… zur Dezentralisierung durch Computerisierung (1993, ganzes Interview hier): “Die Computerisierung führt zu einer Dezentralisierung sowohl auf professioneller als auch auf organisatorischer Ebene und gerade nicht zu einer zentralen Kontrolle. […] Computersysteme thematisch zu zentralisieren, macht überhaupt keinen Sinn”.

… über das Verhältnis zwischen Web-Massenmedien (1997 , ganzes Interview hier): “Für Massenmedien selber werden die aktuellen technischen Innovationen wie das Internet oder individuell wählbare Informationen wenig Bedeutung haben. Sie werden sich neben Massenmedien wie Tageszeitungen oder auch das Fernsehen setzen, sie jedoch nicht verdrängen. Das Internet mit seinen Kommunikationsmöglichkeiten ist auch, wenn es massenhaft als Medium genutzt wird, kein Massenmedium, denn es ist ja gerade keine einseitige technische Kommunikation, sondern kann individuell genutzt werden. Die Sorge, dass neue Medien die traditionellen ersetzen, ist so alt wie unbegründet”.

… zu Computern und Information (1996, ganzer Vortrag hier): “Die Computer speichern und verarbeiten, wie man sagt, Informationen: aber ihre Schaltzustände sind und bleiben unsichtbar, und man muß schon wissen, was man wissen will, um ihnen Schrift, Tabelle, Bild oder Sprache zu entlocken. […] Die gespeicherten Daten, die Bücher in den Bibliotheken, die Dokumente in den Archiven, die Schaltzustände der Computer, sind zunächst ja nur virtuelle Information, die nur Information wird, wenn man sie nachfragt und sich durch Auskunft oder Ausdruck überraschen läßt. Zur Anfrage oder Abfrage bedarf es jedoch einer Entscheidung. […] Computer machen Eindruck, gerade weil man nicht sehen kann, wie sie arbeiten. Aber die Form der Information hat auch eine andere Seite. Sie reproduziert Wissen als Überraschung. Alles, was sie bestimmt, könnte auch anders bestimmt sein. Ihre Kosmologie ist eine Kosmologie nicht des Seins, sondern der Kontingenz”.


Horst Köhler und die Kraft des Webs

31. Mai 2010

Ganz klar: Ein Kapitän sollte das Schiff nicht bei hohem Wellengang verlassen, sondern muss seines Amtes zumindest walten, bis ein sicherer Hafen in Sichtweite ist. Trotzdem: Mit Horst Köhler ist übel mitgespielt worden, insbesondere in einem ZEIT-Kommentar vonKarsten Polke-Majewski. Aber das ist eine Diskussion, die hier nicht geführt werden soll.

via Wiki Commons

Interessant ist in unserem Kontext freilich etwas ganz anderes, nämlich die Chronologie der Berichterstattung zu Köhlers umstrittenen Interview:

  • Am 22. Mai veröffentlicht der Deutschlandfunk eine Zusammenfassung des besagten Interviews mit unserem Bundespräsidenten (mittlerweile a.d.), allerdings ohne direkt auffindbaren Link zur entsprechenden Audio-Datei.
  • Am 25. Mai berichtet “Lupe, der Satire-Blog” ausführlich über das Interview und bringt neben einem Kommentar auch ein Video mit kompletter Audiospur des Interviews. Am gleichen Tag stellt das Blog “Bundeshorst” Strafanzeige gegen Horst Köhler aufgrund der fraglichen Passagen. Kurz danach ist das Interview vieldiskutiertes Thema in der deutschsprachigen Blogosphäre.
  • Erst am 27. Mai begannen die etablierten massenmedialen Kanäle wie der Spiegel über das Interview zu berichten und die Berichterstattungslawine kam ins Rollen – mit den nun allen bekannten Folgen.

Die Affäre um Horst Köhler ist damit ein perfektes Beispiel dafür, welchen Einfluss die Blogospähre auf die mediale Berichterstattung ausüben kann bzw. welchen Zeitvorsprung Social-News- und Blog-Leser im besten Falle haben…


iPad: Freiheit ist die einzige die fehlt

16. Mai 2010

Apple ist eine Glaubensfrage. Ja, Apple begrenzt den Aktionsradius von Endverbrauchern und Entwicklern. Ja, Apple wird (hoffentlich und sicherlich) wie jede Firma die Steigerung des eigenen Umsatzes bei jeder neuen Produktentwicklung im Hinterkopf behalten. Eine zumindest ambivalente Definition von Freiheit aber lieferte Steve Jobs (oder ein Apple-Mitarbeiter, der sein Mail-Alias verwenden darf) jüngst in einer Diskussion mit dem Blogger Ryan Tate:

The iPad offers “freedom from programs that steal your private data. Freedom from programs that trash your battery. Freedom from porn. Yep. Freedom. The times they are a changin’ […]. There are almost 200’000 apps in the App Store, so something must be going alright.”

Abgesehen davon, dass die Behauptung “Freedom from Porn” für jede Web-Schnittstelle (so auch für das iPad) problematisch ist, da über den eingebauten Browser schlicht jede erdenkliche Seite aufgerufen werden kann, zeugt es durchaus von einer gefährlichen Arroganz, einen berechtigten Einwurf hinsichtlich der inhaltlichen und strukturellen Offenheit von Apple-Produkten mit dem Hinweis zu beenden, dass einem der Erfolg ja recht gäbe.

Was würde passieren, wenn der Verweis auf den eigenen Erfolg das Letztargument in unserer Welt wäre? Die Geschichte (nicht nur die unsere) hält einige Antworten dazu bereit, die illustrieren, wie gefährlich eine solche Einstellung sein kann. Der große Vorsitzende Steve Jobs beendet die Diskussion mit Ryan Tate übrigens mit den Worten:

“By the way: What have you done that’s so great? Do you create anything, or just criticize others work?”


Game-ified Life: Die schöne neue Welt nach Facebook?

14. März 2010

Ein Tipp von Klaas Benjamin: Jesse Schell war unter anderem bei Disney beschäftigt, ist ein vielbeachteter Autor, besitzt ein Spieleentwicklungsstudio und hält Vorlesungen an der Carnegie Mellon Universität.

Unlängst hat er den vielbeachteten Vortrag “Design Outside The Box” am DICE Summit 2010, gehalten, der nicht nur von der Zukunft digitaler Spiele handelt, sondern anschaulich vor Augen führt, wie das gesellschaftliche Leben an sich in einer Zeit nach Facebook und Konsorten durch Tracking- und Scoring-Techniken zu einem Spiel avancieren könnte (inklusive Highscore und Bonuspunkten).

Abgesehen davon, dass mir der BA und MA an unseren Universitäten hin und wieder schon ziemlich game-ifiziert vorkommt, werden in diesem Vortrags-Video einige interessante Visionen zu einer verspielten schönen (?) neuen Welt entwickelt.


„Social Media killed TV“

13. Februar 2010

Digitale Revolutionen sind angesagt. Neuerdings findet sich ein nicht ganz ernst gemeinter erhellender Rundblick zu der Wirkung von etwaigen Web 2.0-Angeboten hier.


Augmented Reality: Ein süffisanter Artikel

30. Januar 2010

Frank Puscher hat einen unterhaltsamen Artikel zu der schönen neue und bessere Wirklichkeit geschrieben, die uns durch mobile Devices präsentiert wird. Kleine Kostprobe:

„Der tägliche Gang zur Bushaltestelle wird zur Reality Show: “Wussten Sie eigentlich, dass Friedrich Schiller genau in dieser Unterführung dereinst ein seidenes Taschentuch verlor?” Hätten Sie darüber nachgedacht, wären Sie möglicherweise der Auffassung gewesen, dass die in dieser Unterführung so filigran verarbeiteten Betonplatten erst in den 50er Jahren erfunden wurden. Aber Sie haben ja nicht nachgedacht. Sie haben gar nicht gedacht. Gut, dass es Augmented Reality gibt. Es ist keine angereicherte Wirklichkeit, es ist die bessere Wirklichkeit“.

Mehr hier!