Amazon Kindle in der BRD: Fällt jetzt die letzte Bastion analoger Trägermedien?

22. April 2011

Sowohl die Musik- als auch die Filmindustrie haben die Transition von Inhalten auf analogen Trägermedien zu digitalem Content größtenteils hinter sich. In der Buchindustrie hingegen haben sich die entsprechenden Transformationen in der Vergangenheit trotz gegenteiliger Prognosen und vielfältiger Pilotversuche deutlich langsamer vollzogen, was sich nicht nur mit technischen Schwierigkeiten, sondern auch mit sektorspezifischen Bedingungen und Konsumentenstrukturen begründen lässt (vgl. ein Discussion Paper zum Wandel des Buchhandels).

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In den USA allerdings mischt Amazon mit seinem intuitiv bedienbaren Technologie-Set aus einem günstigen mobilen Abrufgerät (Kindle), digitalen Inhalten (Kindle Books) und einem Online-Content-Store, auf den jederzeit und von fast überall aus zugegriffen werden kann, seit 2007 zusammen mit Apple (seit 2010 mit iBooks) den Büchermarkt auf und ist maßgeblich mitverantwortlich für den beständig steigenden Anteil von E-Books am Gesamtumsatz der amerikanischen Buchindustrie: Er betrug 2010 schon 8% (vgl. APP), während der Anteil elektronischer Bücher in der BRD im gleichen Jahr gerade einmal auf 0,5% geschätzt wurde (vgl. GfK) – obwohl sich deutsche Buchhandelsunternehmen wie Thalia, Libri oder Weltbild seit einiger Zeit nach Kräften bemühen, Amazons All-in-One-Konzept zu kopieren (z.B. mit dem Oyo).

Das unerreichte Original ist nun, nach langer und gründlicher Vorbereitung, seit gestern ganz offiziell auch in Deutschland zu haben und bietet das bislang umfassendste Gesamtpaket in Sachen E-Books auf dem deutschen Markt:

  • Der deutsche Kindle-Shop hält über 600.000 Titel bereit, darunter auch 70 Titel der aktuellen Spiegel-Bestseller-Top-100 und viele kostenlose Klassiker;
  • Tageszeitungen wie die FAZ und Die Zeit können via Kindle abonniert werden, der für 139 Euro (Wifi) bzw. 189 Euro (3G) erhältlich ist;
  • Der Zugriff auf den Kindle-Store und der Download von Kindle-Angeboten ist auch via Mobilfunk kostenfrei;
  • Für das iPad, Android-Devices und den heimischen PC werden ebenfalls Lese-Apps für Kindle-Inhalte angeboten;
  • Via Kindle Direct Publishing können Verleger und Autoren ihre Bücher unkompliziert im Kindle-Store publizieren und verkaufen.

Salopp lässt sich formulieren: Amazon hat lange gewartet, schlägt jetzt aber mit voller Breitseite in den deutschen Buchmarkt ein – und die Branche diskutiert eifrig, wie z.B. die Kommentare zu den Kindle-Launch-News auf boersenblatt.de zeigen: »[…] klar ist: Die Zeit des Trödelns, Ausprobierens, Lavierens ist vorbei«; »[…] vielleicht der große Angriff auf das Print-Sortiment«; oder: »Hier wird sich die Geschichte von iTunes wiederholen, mit allen Vor- und Nachteilen«.

Ob derartige Vorhersagen eintreffen, wird freilich auch davon abhängen, inwieweit sich die Nutzer auf die neuen technologischen Möglichkeiten einlassen (vgl. GGR).

Bisher wurden E-Books und E-Reader vorrangig als Verbesserungen des klassischen Buches vermarktet, welche die Organisation und Archivierung der persönlichen Bibliothek vereinfachen und das Leseerlebnis durch Anpassungsoptionen personalisieren. Darüber hinausgehende Erweiterungen aber, die ein deutlich anderes Leseerlebnis ermöglichen, wie etwa die Verknüpfung mit Kontextinformationen oder die Integration von Bewegtbildern, bieten bislang weder die meisten E-Book-Titel auf dem deutschen Markt noch bringen spezifische E-Reader wie der Kindle (anders als Tablets) die technischen Voraussetzungen dafür mit. Im Unterschied zu dem Abruf von Musik- oder Filminhalten, der seit jeher den Einsatz von Technik voraussetzt, wird den Lesern für den Umstieg vom gedruckten zum digitalen Buch bislang also nur ein geringer Mehrwert geboten, der auch noch mit Nachteilen (z.B. kaum Verleihoptionen, Technikabhängigkeit) erkauft werden muss.

Der Kindle 4 wird aber sicherlich nicht lange auf sich warten lassen, weitere technische Verbesserungen bzw. neue Gestaltungs- und Präsentationsmöglichkeiten für digitale Inhalte und eine erneut intuitivere Bedienung mit sich bringen, die weiteren Nutzerkreisen den Zugang zum E-Book erleichtert – denn technologische Innovationen bringen stets auch Verständnisschwierigkeiten mit sich, wie nachfolgender »historischer« Ausschnitt aus aus der norwegischen TV-Show »Øystein og jeg« (mit englischen Untertiteln) von 2001 zeigt. Es geht um Benutzungsschwierigkeiten gegenüber der Produktinnovation »Buch«:

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3 Kommentare zu “Amazon Kindle in der BRD: Fällt jetzt die letzte Bastion analoger Trägermedien?”

  1. Roland says:

    Aufgrund der Möglichkeit für Autoren Manuskripte selbst zu veröffentlichen und dann 70%(!!) der Einnahmen einzustreichen ist es in den USA und U.K. zu einer Art Revolution von Unten gekommen. Das Ergebnis ist das 28 von 100 Titeln ( http://www.teleread.com/paul-biba/28-out-of-100-top-kindle-ebooks-are-self-published-by-piotr-kowalczyk/ )in den Top 100 der Kindlebooks USA von selbstveröffentlichenden Autoren stammen…

    Ich als Leser wünsche mir und hoffe das sich in Deutschland ähnliche Verhältnisse einstellen. Das würde auch bedeuten das die hiesigen Verlage nicht mehr überwiegend sichere Bestseller aus dem Ausland einkaufen und übersetzen lassen (weniger Risiko, weniger Arbeit für die wenigen Lektoren), sondern auch mehr Printausgaben der erfolgreichen Selbstveröffentlichungen herausgeben.

    Außerdem sind die Selbstveröffentlichungen viel günstiger als das Verlagsangebot – Die Autoren kommen aber trotzdem besser weg weil sie 70% bekommen und monatlich bezahlt werden. (Wer genaueres wissen will soll sich mal das Blog von Joe Konrath ansehen: http://jakonrath.blogspot.com/)

    Daher: Viva La Revolution!

  2. Horst says:

    “… Autoren bekommen 70% …”

    Wobei jeder vernünftige Autor sich dennoch einen Lektor etc. gönnt, um einen vernünftigen Text zu publizieren. Und den ganzen Anhang an Leuten darf er von seinen 70% bezahlen. Vermutlich immernoch besser als das was man auf dem “normalen” Wege bekommen hätte aber die kompletten 70% streichen wohl nur die Amateure ein.

  3. E-Books says:

    Bei den Angaben zu verfügbaren Titeln darf man nicht übersehen, dass die Mehrzahl der 600.000 erwähnten Bücher in Englisch sind. Die aktuelle Zahl deutscher Titel liegt wohl bei ca. 35.000…

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