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  • »Das Ende der Zeitung« (mal wieder)

    9. Januar 2013

    In der Internet-Wochenzeitung Kontext (Samstags als Beilage der Westausgabe der taz) prognostizierte Thomas Rothschild vor einigen Tagen unter dem Titel »Das Ende der Zeitung« wieder mal den schleichenden Tod des professionellen Journalismus:

    »Die unbequeme Wahrheit, die niemand hören will, lautet: Der Journalismus als ein bezahlter Beruf wird mit großer Wahrscheinlichkeit aussterben. […] Blogs beweisen ja, dass es Laien gibt, die nicht schlechter schreiben als professionelle Kritiker, zumal eine Entprofessionalisierung unter den bestallten Journalisten längst stattgefunden hat.

    […] Wie Heimwerker mithilfe der Baumärkte die professionellen Handwerker von einst, so werden Amateurschreiber Journalisten ersetzen, die ja schon bisher nur in Ausnahmefällen eine einschlägige Ausbildung hatten. […] Den Journalismus als Beruf hat es nicht immer schon gegeben, und auch andere Berufe sind verschwunden: die Weber, die Heizer, die Küfer, die Setzer, die Henker zum Beispiel. Den Schaffner in der Straßenbahn ersetzt ein Automat ebenso wie den Kaffeesieder im Kaffeehaus […].

    […] Warum sollten ausgerechnet Zeitungen und Journalisten überleben? Weil wir es uns wünschen? Das Wünschen hat schon lange nicht mehr geholfen. Vielleicht früher einmal, als es noch keine Zeitung gab.«

    Ende der Zeitung?

    Damit recycelt der Autor eine These, die seit Aufkommen des Internet in aller Regelmäßigkeit vertreten wird (vgl. kritisch schon: Telepolis 2001), aber auch gemessen an den Kommentaren zum Artikel wohl doch langsam an Überzeugungskraft verliert und differenzierteren Sichtweisen weicht. Dazu ein kleiner Ausschnitt aus »Internet, Mobile Devices und die Transformation der Medien« (Berlin: 2013, S. 23ff.):

    Bereits Mitte der 1990er Jahre […] erhofften sich zahlreiche Kommentatoren einen neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der in einem Ende der Massenkommunikation […] münden sollte. […] Inzwischen setzt sich allerdings zunehmend die Einsicht durch, dass »wohl doch kein so tiefgreifender Wandel von einseitigen Massenmedien zu vernetzten Medien« (Sutter 2011: 456) erfolgen […] wird […].

    Zum einen deuten alle verfügbaren empirischen Daten darauf hin, dass sich die Bevölkerung in der Rezeption von Informations- und Unterhaltungs-angeboten nach wie vor primär an den klassischen Massenmedien oder deren Online-Angeboten orientiert (ARD/ZDF 2012; Neuberger 2012; Schrape 2010). Die Gründe für diese Nutzungsmuster liegen […] in der prinzipiellen Knappheit zeitlicher wie kognitiver Ressourcen: Sowohl einzelne Rezipienten als auch gesellschaftliche Kommunikationssphären sind nach wie vor auf übergreifende Selektions- und Synthetisierungsstellen angewiesen. Um diese Leistungen zu erbringen bleiben entsprechende professionelle Leistungsrollenträger bzw. Organisationsstrukturen notwendig. Auch Social-Media-Intensivnutzer […] kommen nicht ohne eine erwartungssichere allgemeine Berichterstattung aus […].

    Zum anderen tragen die neuen Vernetzungs- bzw. Interaktionsmöglichkeiten aber zugleich erheblich zur Verdichtung der Kommunikation auf den mittleren Ebenen gesellschaftlicher Öffentlichkeit bei […], wodurch nicht nur die nutzerzentrierte Diffusion von Inhalten bzw. Stellungnahmen erleichtert wird, sondern auch Leerstellen und Unschärfen in der massenmedialen Berichterstattung schneller sichtbar werden können. Für professionelle journalistische Anbieter steigt dadurch sowohl die Zahl an potentiellen Themenquellen als auch der Aktualitäts- und Integrationsdruck erheblich an. […] Anders als mitunter vermutet kann der partizipative Journalismus gemessen an den bisherigen empirischen Entwicklungen aber nicht in tagesaktueller Frequenz mit professionellen massenmedialen Anbietern konkurrieren, nicht zuletzt da die Motivation der Autoren im Social Web in der Regel weniger durch langfristige als durch kurzfristige bzw. gegenstandsbezogene Anreize getragen wird […].

    Social Media und Massenmedien stehen also weniger in einem rivalisierenden als in einem interagierenden bzw. sich ergänzenden Verhältnis zueinander, was sich auch darin widerspiegelt, dass nutzergenerierte Inhalte in der journalistischen Recherche eine zunehmende Rolle spielen und massenmediale Berichte umgekehrt wiederum zu den meistempfohlenen Inhalten im Social Web gehören […].

    […] Nichtsdestoweniger aber wird […] die klassische Dichotomie zwischen Leistungs- und Publikumsrollen durch die Online-Technologien ein Stück weit aufgebrochen […]. Die aktiv partizipierenden Onliner im Social Web […] unterscheiden sich vom reinen Publikumsstatus, indem sie themenzentriert journalistische Recherche-, Selektions-, Ordnungs- und Darstellungs-programme prozessieren; sie lassen sich andererseits aber auch eindeutig von primären Leistungsrollenträgern abgrenzen, weil sie zentrale Merkmale journalistischer Identität wie Universalität oder Periodizität (Neuberger et al. 2009: 200) nicht erfüllen.

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    Ein Kommentar zu “»Das Ende der Zeitung« (mal wieder)”

    1. […] Anders als mitunter vermutet kann der partizipative Journalismus gemessen an den bisherigen empirischen Entwicklungen aber nicht in tagesaktueller Frequenz mit professionellen massenmedialen Anbietern konkurrieren…  […]

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